Im Kino: Liebeskomödie „Barakah meets Barakah“ : Flirten im Pixelmodus

„Barakah meets Barakah“ überführt den klassischen Plot ins exotische Saudi-Arabien. Er ist das unterhaltsame und seltene Selbstzeugnis einer internationalen, arabischen Generation.

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Ungleiches Paar. Die Youtuberin Bibi (links, Fatima Al Banawi) und der städtische Ordnungsbeamte Barakah (rechts, Hisham Fageeh).
Ungleiches Paar. Die Youtuberin Bibi (links, Fatima Al Banawi) und der städtische Ordnungsbeamte Barakah (rechts, Hisham Fageeh).Foto: Trigon-Film

Die Zweierbeziehung sei out, Polyamorie angesagt, heißt es gerade wieder im „Spiegel“. So viel Libertinage macht es auch dem Erzählmodell der romantischen Komödie schwer. Es überrascht also nicht, dass mit „Barakah meets Barakah“ von Mahmoud Sabbagh ein ungewohnt dringliches Exemplar des Genres ausgerechnet aus einem Land in die Kinos kommt, das als Inbegriff strenger Sitten gilt. In Saudi-Arabien stellen Frauen zwar 60 Prozent der Professoren, Treffen mit Männern außerhalb der Familie sind ihnen allerdings untersagt. Das setzt einer Flirtkultur enge Grenzen, ist aber das ideale Setting für einen Plot, der ganz genregerecht zwei junge Menschen zusammenbringt, die Geschlecht, soziale Herkunft und Charakter trennen.

Barakah ist Angestellter beim städtische Ordnungsamt, trägt unter der rot-weißen Kufiya aber eine Hipster-Tolle. Bibi ist (Adoptiv-)Tochter eines reichen kinderlosen Paares und wirbt neben dem Aushilfsjob in Mamas Boutique mit viralen Videos (auf denen sie ihr Gesicht geschickt wegduckt) für fair gehandelten Kaffee und Frauenrechte. Bei einem Werbedreh kreuzen sich ihre Wege erstmals, ihre zweite Begegnung findet in einer Galerie für moderne Kunst statt und wird von der Religionspolizei aufgelöst.

Es folgt eine lange Reihe mehr oder weniger glückender Treffen, die mit unterkühlter Situationskomik den Katalog der begrenzten Dating-Möglichkeiten vom Supermarkt bis zur voreiligen Verlobung durchspielen. Dabei werden im nicht immer pointierten Diskurs Fragen der sozialen Kontraste sehr direkt thematisiert, während die politische und kulturelle Situation des Landes mithilfe von Bild- und Filmzitaten aus früheren, freieren Zeiten angedeutet wird. Die absurden Verpixelungen von alkoholischen Getränken oder einem Finger werden mit einer dem Film vorangestellten Texttafel adressiert: „Die Verpixelung, die sie in diesem Film sehen werden, ist völlig normal. Sie ist kein Kommentar zur Zensur.“

Regisseur Sabbagh und seine Hauptdarsteller Hisham Fageeh und Fatima Al Banawi haben selbst in den USA studiert und sind heute selbstverständlicher Teil der subkulturellen Szene ihres Heimatlandes. Die ist von außen bisher wenig sichtbar, im Land selbst vor allem in den sozialen Medien präsent. Auch Hauptdarsteller Fageeh hatte bereits einige erfolgreiche Auftritte auf Youtube.

Der Film ist durch Guerilla-Drehs auf den Straßen von Dschidda entstanden

Unter der engen Islam-Auslegung leidet auch die Filmkultur im Land. Einziger Kinofilm der jüngeren Zeit ist die in deutscher Koproduktion entstandene und sehr auf den Geschmack eines europäischen Arthouse-Publikums zielende Emanzipationsgeschichte „Das Mädchen Wadjda“ von Haifaa Al Mansour. „Barakah meets Barakah“, der mit wenig Geld innerhalb der Produktionsstrukturen des saudischen Fernsehens und mit Guerilla-Drehs auf den Straßen von Dschidda entstand, ist roher und ungebärdiger, auch wenn die brutalen Seiten des Regimes durchs Komödiengewand sanft verdeckt werden. Selbstverständlich ist es auch sein exotischer Reiz, der den Film auf die Filmfestivals von Toronto bis Berlin brachte.

Als Selbstzeugnis einer international gebildeten, nicht fundamentalistischen Generation ist er aber auch das Gegenteil: nämlich praktisches Zeugnis davon, dass auch dieses so abgeschottete Land Teil einer globalisierten Kultur ist. „Unsere Generation lebt in einem Hamsterrad, und wir schaffen es nicht abzuspringen“, heißt es im Film einmal thesenhaft. In der arabischen Welt wird diese Botschaft hoffentlich als DVD und Onlinestream ihren Weg machen. Aber sie meint auch uns.

In zwei Berliner Kinos, beide OmU

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