Im Kino: „National Bird“ : Unter Druck

Depression, Drogenkonsum, Selbstmord: Der Dokumentarfilm „National Bird“ zeigt, wie der Drohnenkrieg die Seelen der Piloten zerstört. Ein sehr persönlicher, emotionaler Film.

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Die Drohne sieht alles. Szene aus Sonia Kennebecks Dokumentation „National Bird“.
Die Drohne sieht alles. Szene aus Sonia Kennebecks Dokumentation „National Bird“.Foto: Weltfilmverleih

Aus ihrem Provinzkaff in Pennsylvania rauskommen und gleichzeitig mit cooler Technik die Welt retten. Das wollte Heather, als sie sich zur US-Airforce meldete. Denn in den Werbevideos der Army sieht der Dienst wie ein actionreiches Computerspiel aus, von Stolz und Kameradschaft ist die Rede. Doch jetzt sitzt die junge Frau bei einer Art AA-Meeting für Veteranen in einem großen Raum und berichtet von den traumatisierenden Erfahrungen ihrer Tätigkeit als Drohnen-Video-Analystin.

Der Drohnenkrieg fordert auch auf der eigenen Seite Opfer. Abgeschossen werden die Truppenmitglieder zwar nicht. Doch vom sicheren Arbeitsplatz in den USA tausendfach dem anonymen Sterben zehntausende Kilometer entfernt zusehen zu müssen, zerstört die Seele. Viele der Veteranen sind suizidgefährdet, viele haben sich schon umgebracht oder sind Drogen erlegen. Erschwerend kommt hinzu, dass Soldaten auch nach dem Ausscheiden aus der Armee über das streng geheime Programm nicht einmal bei einem normalen Psychiater sprechen dürfen.

Auch Lisa war sich anfangs sicher, auf der Seite der Guten zu sein, bevor sie herausfand, dass sie als technischer Sergeant bei der Drohnenüberwachung Teil eines enormen globalen Überwachungsapparates und Daten-Staubsaugers war: Die Entdeckung 121 000 aufständischer Ziele habe sie mit ihrer Arbeit in zwei Jahren ermöglicht, heißt es in einem Zeugnis aus dem Jahr 2009. Und das in nur zwei Jahren. Was mit diesen Zielen geschah, kann man sich ausmalen.

Daniel landete als arbeitsloser Obdachloser eher aus Not bei der NSA, wo er bei der Elitetruppe Joint Special Operation Command in Fort Mead diente. Wenn er jetzt nach der Kündigung vor der Kamera über seine Arbeit spricht, passt er ängstlich auf, keine klassifizierten Interna weiterzugeben. Doch trotz dieser Vorsicht brechen eines Abends mehrere dutzend Polizisten in seine Wohnung ein, um dort angebliches Beweismaterial für eine Anklage wegen Spionage sicherzustellen. Auch Heather und Lisa haben Angst, wurden bis jetzt aber nur verbal behelligt.

Lisa wird in Afghanistan mit den Folgen der Luftangriffe konfrontiert

Trotz dieses Drucks haben die drei ehemaligen Spezialisten an Sonia Kennebecks Dokumentarfilm über den US- Drohnen-Krieg und seine Folgen auf beiden Seiten der Front mitgewirkt. In der zweiten Hälfte reist „National Bird“ mit Lisa nach Afghanistan, wo diese mit einer afghanischen Freundin in humanitären Projekten Bußarbeit tut. Wobei sie auch einigen der Menschen begegnet, die es durch Luftangriffe der USA besonders heftig traf. Eine lange Sequenz zeigt eine Familie, die bei einem Ausflug 23 Mitglieder verlor, weil US-Soldaten in den Vätern, Frauen und Kindern mit aller Macht bewaffnete Angreifer sehen wollten.

Zum politischen Hintergrund belässt es Kennebeck bei einer einmontierten Obama-Rede, diversen Demos und Auftritten der Anwältin Jesselyn Raddack, die neben John Kiriakou und Edward Snowden auch die drei Whistleblower des Films verteidigt. „National Bird“ ist ein dezidiert persönlicher Film, emotionaler Höhepunkt die Ansprache eines afghanischen Arztes. Er hat bei einem Luftangriff beide Beine und viele Verwandte verloren und nur noch eine einzige Bitte: dass solche Attacken auf Zivilisten ein Ende finden.

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