Im Kino : Wer sieht, der spielt

Film ist Theater ist Leben: Alain Resnais’ subtile Abschiedsstudie „Ihr werdet euch noch wundern“.

von

Was gibt es noch zu erzählen, wenn man 65 Jahre lang skeptisch mit der Überwältigungsmaschine Kino hantiert? Wenn man alle Stilmittel ausgekostet hat und im Alter umso plastischer die Ironie der eigenen Obsession spürt, mit der man in 50 Filmen experimentierte?

Alain Resnais, der große Außenseiter der Nouvelle Vague, hat seinen Platz im Olymp des Kinos, wo Zeitgeist, Moden, Selbstetikettierung keine Rolle mehr spielen. Für „Ihr werdet euch noch wundern“, kurz vor seinem 90. Geburtstag 2012 in Cannes präsentiert, versammelt er die gereifte Crème der Pariser Theater- und Filmszene – und einigte sich mit seinem Team auf Stückvorlagen von Jean Anouilh, darunter „Eurydike“.

Im Mythos vermag Orpheus seine von einem Schlangenbiss getötete Frau Eurydike aus dem Totenreich zurückzuholen, verliert sie jedoch, als er sich wider das Gebot noch halb im Jenseits nach ihr umsieht. Bei Anouilh ist dieser insistierende Blick des Liebenden von Misstrauen geleitet und die Begegnung des Paares nur ein Transitereignis auf einem nächtlichen Provinzbahnhof: Eurydike, Tochter von Wanderschauspielern, will das Verhältnis mit einem erpresserischen Liebhaber vor dem neuen Mann ihres Lebens verheimlichen und kommt auf der Flucht vor den beiden bei einem Busunfall um. Auch Anouilhs moderner Orpheus will die Wahrheit im Gesicht seiner Liebsten gespiegelt sehen – und vermasselt die Chance, sie zurückzuholen, indem er ihr „blind“ vertraut.

Ein Set von Ideen, wie geschaffen für Resnais, den Meister der Raumkunst, des Illusionsspiels und der artifiziellen Dialoge. Folglich gibt „Vous n’avez encore rien vu“, so der Originaltitel, den Gestus einer magischen Zauberei vor, in der die Akteure in einem Verwechslungsspiel getäuscht und weise belehrt werden. Buchstäblich per Telefon werden Sabine Azéma (Resnais’ Gattin), Anne Consigny, Anne Duperey, Pierre Arditi, Michel Piccoli, Mathieu Amalric und andere in einem Schloss zusammengerufen, wo ihnen der Butler eines Theaterautors dessen Vermächtnis verkündet. Das verblüffte Ensemble soll eine Inszenierung seines Stücks „Eurydike“ durch ein wildes Nachwuchsensemble an seiner Statt begutachten und freigeben.

Doch das dargebotene Rohmaterial der Jüngeren löst Erinnerungen an Schlüsselszenen im Bühnenleben der Starschauspieler aus. Der erste Augenblick der Liebe zwischen Orpheus und Eurydike, ihre Annäherung, die schon die böse Spaltung ihrer Verbundenheit enthält: Diese Versatzstücke auch eigenen gelebten Lebens infizieren die melancholische Truppe zum fiebrigen (Mit-)Spiel. Man findet sich in die alten Rollen, bewegt sich aus den luxuriösen Fauteuils, fällt zurück in Episoden aus Anouilhs „Eurydike“, dies alles in einem magischen Dunkel mit kargsten Kulissen, Geräuschen und Klängen.

Eine ironische Simulation theaterhaften Virtuosentums, ein regressiver Erinnerungstraum von Superstars – oder die verführerische Inszenierung eines Gastgebers, der seinen Tod nur als Beginn eines neuen Ensemblestücks arrangiert? Mit subtiler Hand deckt Resnais die Bausteine seiner Kunst auf, um sie zu neuen Rätseln zu fügen. Sein Film ist eine Abschiedsgeste, die die Zuschauer merkwürdig leicht aus der Gewissheit um Eurydikes Tod entlässt, ja, um den Skandal des Todes überhaupt. Claudia Lenssen

Eva, Filmkunst 66; OmU im fsk

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben