Kultur : Im Kiosk der großen Gefühle

Das Tipi präsentiert den Herz-&Heimatabend „Balagan“

Thomas Lackmann

Das ist Verführungskunst des Entertainments: 15 Sekunden, ungefähr, benötigen die einziehenden 15 Künstler des Unternehmens „Balagan“, um im Publikum des Berliner „Tipi“-Zeltes durch die Bank gute Laune zu verbreiten. Aufmarsch der Straßenmusik: Fetzige Bläser-Reigen von Märkten und Familienfeten eines imaginären, wer weiß, versunkenen Kontinents. Elegische Phantasien für Piano und Xylophon. Furiose Rockjazz-Improvisationen über slawische Weisen für Geige, Schlagzeug, Bass. Ein feierliches Stakkato-Halali für Hörner, Posaune, Tuba, Trompeten. Harfentrance. Melancholie, Ekstase, Sentiment – anschwellend, abschwellend. Feuerwerk und Dämmerung. Stimmungsbrüche. Folkrock, samtene Poesie. Sehnsuchtsallerlei und Temperamentsauflauf, eine Prise „Schwarze Augen“ und natürlich die Ballade von Murka, der verräterischen Gangsterbraut. Gekonnter Kitsch, prächtige Klischees, lächelnde Leidenschaften. Was Sie schon immer aus Osteuropa haben wollten, aber nie zu bestellen wagten.

An diesem Abend im Schatten des Kanzleramts braucht es auf der Bühne keinen Führer, der das Volk durchs Programm moderiert. Das sichtlich und hörbar vergnügte Kollektiv ist der Star: die Phalanx seiner skurrilen Instrumenten-Charaktere. Die Bassbalalaika mit dem gewaltigen Wuschelkopf, die kleine Frau an der winzigen Balalaika. Der quirlige Teufelsgeiger. Der verschmitzte Virtuose am Akkordeon. Der hochhüpfende Trommler, dem aus dem Parkett die Zuneigung der Damen zufliegt. Der pausbäckige Tubist. Und eine stattliche Sängerin im tollen Rosenkleid, die an der Rampe, gemeinsam mit ihrem singenden Trompeter, „Ti voglio bene, sai“ schmachtet. Russland, Bulgarien, Polen, Argentinien on stage: Wo es um den großen Gefühlstransfer geht, hat die maximale EU-Expansion längst stattgefunden.

Balagan heißt, heutzutage, der Marktkiosk; Migranten haben das Wort längst nach Israel gebracht. Im alten Russland war Balagan der Marktplatz: Treffpunkt, Umschlagplatz, Gemischtwaren- und Traumsortiment. „Balagan“-Regisseur Sebastiano Toma hat für seine Show, eine Produktion der „Fliegenden Bauten“ in Hamburg, renommierte Bands und Solisten zum Ensemble vereint, den Marktbudenzauber als getragenen Video-Clip inszeniert. Irgendwann, zwischendurch, fragt der Zuschauer, dem die direkte Ansprache fehlt, nach dem roten Faden des tönenden Bilderbogens; irgendwann lässt er sich einfach treiben, durch Klänge, Rhythmen, Lichter und Projektionen.

Nebellaternen. Brennende Kerzen. Eine Holzfassade: in den Fenstern spiegeln sich Lampen. Die Bläser tragen lange Pelzmäntel. In Fenstern spiegeln sich Bäume. Ein See im knorrigen Wald. Bäume am Meer. Hafenstadt. Das Ensemble sitzt zockend am Tisch. In der Meeresprojektion öffnen sich Fenster, Kerzen leuchten: für die Vermissten. Das Profil einer alten Frau. Die vergilbten Fotos ihrer Söhne. Ein niedriges Haus, Nachbarn schauen aufs Trottoir: Walzerklang. Staubige Dorfstraße. Dampfende Eisenbahn. Stromleitungen. Wandlungen, Wanderungen: Eine Geschichte entsteht. Prachtfassaden leerer Bürgerhäuser. Laternen. Sternenglanz. Und über allem die Melodie der Erinnerung, des Abschieds, des Neubeginns, das Liedgut jener ewigen Passionen, die in keinem Koffer fehlen. Ein Herz-&Heimatabend für Menschen (und solche, die es werden wollen).

Im Tipi: bis 3.11., Di bis So um 20 Uhr 30.

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