Kultur : Im Klangtaumel

Ein bewegender Abend mit Claudio Abbado, Radu Lupu und dem Lucerne Festival Orchester.

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Ganz bei sich. Claudio Abbado dirigiert gern in Luzern. Foto: Lucerne Festival/Fred Toulet
Ganz bei sich. Claudio Abbado dirigiert gern in Luzern. Foto: Lucerne Festival/Fred Toulet

Das Luzerner Kultur- und Kongresszentrum ist bis auf den letzten Platz gefüllt – doch als Radu Lupu mit dem Hauptthema des ersten Satzes von Beethovens 3. Klavierkonzert einsetzt, wähnt man sich sofort in intimstem Rahmen. Entspannt zurückgelehnt, frei von eitlem Solistengestus spielt Lupu mit überwältigender Privatheit, die jeden heroischen c-moll-Pathos der Orchestereinleitung vergessen lässt. Durch alle Sätze hindurch beschränkt er sich konsequent auf ein dynamisches Feld, das bei Pianissimo beginnt und bei Mezzoforte endet. Indes fährt einem sein zauberhaft weicher Klang mit der ätherischer Sanftheit seines Anschlags durch Mark und Bein, als wäre man einer Erschütterung ausgesetzt.

Schlichtweg perfekt ist die Balance zwischen Solist und Orchester, die Claudio Abbado am Pult des phänomenalen Klangkörpers zustande bringt. Ein Wunderwerk, wie sich der Orchesterklang an den des Klaviers schmiegt, als wären sie aus einem Guss! Trotz aller Reduktion der Ausdrucksmittel bewahrt Abbado den dezidiert symphonischen Ansatz, den Beethoven in diesem Konzert vor allen anderen angelegt hat. Auch an Dramatik geht ihm bei der ungeheuren Intimität dieser Interpretation nichts verloren, wenngleich das Drama vollkommen verinnerlicht erscheint. Übergegenwärtig der Moment, wenn Radu Lupu in der Solokadenz des ersten Satzes das Tempo noch verlangsamt. Es entsteht eine Nähe zur Musik, die einem vor Spannung den Atem nimmt.

Wie zu einem kostbar weichen Stoff verweben sich im langsamen Mittelsatz Flöte, Fagott und Pizzicati der Streicher mit dem Klavier, so dass man für die Kontraste und Gegensätze des dritten Satzes sensibilisiert ist und sie in ihren kleinsten Nuancen wahrnimmt, wie sie etwa in subtilen Tempospielen oder einer nahezu geflüsterten Fuge auftreten. Ein unvergessliches Erlebnis.

Umso größer die Wucht, mit der einen Bruckners Erste im zweiten Konzertteil aus dem Klangtaumel reißt. Mit schnellen, mutig vorwärtsdrängenden Tempi stellt Abbado gerade die Eigenschaften von Bruckners symphonischem Frühwerk stark ins Licht. Fern vom weihevollen Gestus und der kolossalen Architektur der späten Symphonien setzt er schon im ersten Satz ganz auf die horizontale Linie. Leichtfüßig erscheint hier der dezidierte Puls, so dass die schnellen Steigerungen abrupt, in der plötzlichen Schärfe der Blechbläser bisweilen fast wie ein Überfall aus dem Hinterhalt anmuten.

Dank des glasklaren Spiels der Streicher bleibt jedoch die Struktur jederzeit präsent: zwischen Horizontale und Vertikale entsteht eine Art Gleichgewicht, wie sie in Bruckners späteren Symphonien kaum mehr denkbar ist. Dem Prozessualen, dem langsamen Entstehen einer Idee im zweiten Satz, verleiht Abbado zunächst etwas Liebliches, Pastorales, bevor er in die Abstraktion zurückkehrt, wo Bruckners Kampf mit den Gegensätzen erst richtig lebendig wird.

Wucht und Leichtigkeit versteht Abbado vor allem im Scherzo zu vereinbaren. Den schweren Bausteinen nimmt der Fahrtwind ihr Gewicht. Vor der ultimativen Steigerungsspirale drosselt er im vierten Satz noch einmal Tempo und Dynamik um schließlich mit umso größerem Bombast dem überwältigen Ende entgegenzueilen, dass selbst der endlich erreichte Choral in den tiefen Registern vorbeizufliegen scheint. Tosender Applaus und endloser Blumenregen für Dirigent und Orchester. Barbara Eckle

Arte zeigt am 2. September um 17.20 Uhr die Aufzeichnung des Eröffnungskonzerts unter Abbados Leitung.

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