Kultur : Im klaren Licht der Moderne

Beziehungszauber: Die Neue Nationalgalerie zeigt Skulpturen aus der Friedrichswerderschen Kirche.

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Einem Tapetenwechsel haftet meisten etwas Positives an. Auch in diesem Fall, obwohl die Umstände dafür bedauerlich sind. Weil in der Friedrichswerderschen Kirche in Mitte der Putz bröckelt und Risse im Mauerwerk aufgetaucht sind, mussten die darin ausgestellten Skulpturen des 19. Jahrhunderts weichen. Nun sind sie unter dem Titel „Im weißen Licht“ zu Gast in der Neuen Nationalgalerie. Hier können sie für längere Zeit das letzte Mal in dieser Zusammenstellung betrachtet werden. Die Kirche wurde bis auf Weiteres für Bausicherungsmaßnahmen geschlossen.

Der Alten Nationalgalerie geht damit vorerst eine Dependance verloren, in der sie vor allem Werke der Berliner Bildhauerei aus ihrer Sammlung gezeigt hatte. Der Ort ist passend. Baumeister Karl Friedrich Schinkel war Zeitgenosse Johann Gottfried Schadows und Christian Rauchs, zwei der bekanntesten Vertreter dieser weit über die Grenzen Preußens einflussreichen Schule. Es gibt aber auch Spannungen zwischen den Exponaten und dem sie umgebenden Raum. Die Friedrichswerdersche Kirche ist ein Ort mit einem starken, eigenen Charakter. Die klassizistischen Skulpturen müssen sich gegen eine neogotische, mittelalterlich anmutende sakrale Architektur behaupten. Das lenkt ab.

Anders nun in Mies van der Rohes hellem, geradlinigen Glas-Stahl-Pavillon aus den 60er Jahren. Die klare Umgebung beruhigt das Auge. Das tut der Konzentration gut. Das tut der Kunst gut. Jetzt tritt an kleinen Details das meisterliche Können, eine marmorne Oberfläche zu bearbeiten, zutage. Emil Wolff hat aus dem Marmorstein ein flauschig-feines Fell gemeißelt und es einem knabenhaften Amor locker um die Hüften gelegt. Schadow hat dem Bildnis des Carl August Struensee von Carlsbach naturgetreu eine kleine Warze auf die linke Wange gesetzt. Und wie bezaubernd ist der natürliche Zug der verstorbenen Königin Luise von Preußen, die in Stein gehauen auf ihrem eigenen Grab liegt. Der Mundwinkel zeigt durch die Schwerkraft leicht nach unten, ohne dass der Ausdruck seliger Entspanntheit verloren ginge.

Mit dieser Grabstatue empfahl sich Christian Daniel Rauch als großer Bildhauer. Er war es, der später den Auftrag für das Reiterstandbild Friedrichs des Großen erhielt, das heute Unter den Linden steht. Seinem einstigen Lehrer Schadow, Erschaffer der Quadriga auf dem Brandenburger Tor und der berühmten Prinzessinnengruppe, lief er damit den Rang ab. Beziehungsreich werden die Statuen von Lehrer und Schüler, die später Konkurrenten wurden, in der Nationalgalerie gegenübergestellt.

Überhaupt ergeben sich schöne Dialoge. Wie etwa zwischen der Bacchantin von Wilhelm Wolff und der von Theodor Kalide. Letztere ist zwar nur noch als Fragment vorhanden, Beine und Arme wurden abgeschlagen. Aber die erotische Ausstrahlung dieses sich auf dem Rücken eines Panthers räkelnden, gewundenen nackten Körpers knistert immer noch. Kalide, ein Schüler Schadows und Rauchs, hat sich mit dieser expressiven Darstellung jedoch keinen Gefallen getan: zu viel Extase, Aufträge blieben danach aus. Geradezu putzig sieht dagegen die Gegenspielerin aus. Sie reicht einem Baby-Panther ein Schälchen, aus dem dieser leckt.

Durch die großen Glasfronten fällt der Blick auf die Bronzen, die draußen auf den Terrassen stehen. Der Bogenschütze von Henry Moore aus dem Jahr 1966 hat den gleichen Schwung wie Emil Wolffs Nymphe von 1868. Noch ein weiterer gelungener Brückenschlag zwischen Klassik und Moderne.

Neue Nationalgalerie, bis 28. Juli, 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr

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