Kultur : Im Kloster der Wut

Neustart am Maxim-Gorki-Theater: Intendant Armin Petras wagt zehn Premieren an einem Abend. Echt.

Christine Wahl

Elf Uhr im Maxim-Gorki-Theater. Noch drei Wochen, dann muss der neue Intendant Armin Petras und sein Ensemble eingezogen sein. Einer schleppt eine Art Tapetenrolle über die Bühne. Sein Schauspielerkollege ist mit einer riesigen Schaumgummimatte zugange; der Dritte bestellt bei der Ausstatterin einen Kaktus. „Jeder richtet sich seine Wohnung ein“, hatte Petras zu Probenbeginn gebeten. Die Schauspieler wüssten schließlich besser als er, wie die Behausungen ihrer Figuren aussähen.

Petras inszeniert fürs Gorki eine Neuauflage des „Käthchens von Heilbronn“, eine Abwandlung dessen, was er 2004 am Schauspiel in Frankfurt angestellt hatte. Das Kleist’sche Dramenpersonal bewohnt hier zwei doppelstöckige Holzgerüste mit Ikea-Charme; und Petras verfolgt die Einrichtungsmaßnahmen sehr aufmerksam. Die Häkelgardine des frommen Käthchens, das Hilke Altefrohne als Girlie im roten Trainingsanzug spielt, lässt er durchgehen. Den Stuhl, den der Graf Friedrich Wetter vom Strahl gerade ins Obergeschoss balanciert, nicht: „Den glaub ich dir nicht, den kannst du bei dir zu Hause aufstellen“, ruft Petras dem Schauspieler Robert Kuchenbuch zu.

Es ist nicht nur der Code, die Abwesenheit von Profilierungskrämpfen des Regisseurs gegenüber seinem Ensemble. Es ist auch die zielsichere Mischung aus Geschehenlassen und Beharren, die einem sofort klarmacht, warum Schauspieler in guten Petras-Inszenierungen exzeptionell sein können. Akteure wie Fritzi Haberlandt, Peter Kurth, Peter Moltzen oder Hilke Altefrohne, mit denen der neue Gorki-Intendant auf seinen zahlreichen Stationen – als Regisseur von Hamburg über Leipzig bis München, als Oberspielleiter in Nordhausen, Schauspieldirektor in Kassel oder Leiter der Werkstattbühne des Frankfurter Schauspielhauses – immer wieder zusammenarbeitete. Und die jetzt seinem 19-köpfigen Ensemble angehören.

Fünfzehn Uhr: Mit einer unverkennbaren Petras-Szene, in der zum Sound von Tocotronic Unmengen roter Gummibälle vom Schnürboden prasseln, geht es in die Mittagspause. Ein idealer Moment, um zu erklären, dass eine exklusive „Petras-Spielwiese“ das Allerletzte sei, was dem Intendanten hier vorschwebe: Tatsächlich holt sich der Mann ästhetische Gegenpole ins Haus; Regisseure, die bis dato nicht durch Gummiball- oder Dekonstruktionsmaßnahmen aufgefallen sind. So den erst 26-jährigen Tilman Köhler, einen im besten Sinne Textheiligen, der im Studio das „Kloster der Wut“ leiten wird: Jungautoren werden „bei Wasser und Brot“ zur kreativ-asketischen Textproduktion eingeschlossen.

Köhler hat an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ studiert – eine biografische Episode, die ihn mit Petras verbindet. Nur dass Letzterer dort zwanzig Jahre früher war – und wesentlich kürzer. 1964 im Sauerland geboren, siedelte Petras fünfjährig mit seinen Eltern nach Ost-Berlin über. 1985 wurde er an der „Ernst Busch“ immatrikuliert – und flog keine zwei Jahre später wieder raus. Die Schauspielschule dürfte nicht die einzige Institution gewesen sein, die Schwierigkeiten mit seiner feinsinnigen Subordination hatte. Das Prinzip lautet Subversion durch Affirmation und geht so: Man lässt sich am Regieinstitut widerstandslos zum FDJ-Sekretär wählen, eine Art realsozialistisches Äquivalent zum Klassensprecher, und dann lässt man zu gegebener Zeit auffliegen, dass man aus der FDJ schon vor Jahren ausgetreten ist.

Was Rausschmisse betrifft, sammelte Petras seither systemübergreifend Erfahrung. 1988 in den Westen ausgereist, flog er aus Engagements beim Frankfurter TAT und den Münchner Kammerspielen. Es folgten Chemnitz und Frankfurt /Oder. Wenn so einer sagt, er werde sich in seinen Job keinesfalls verbeißen, glaubt man das sofort. „Das soll jetzt natürlich nicht so wirken“, setzt Petras vorsichtshalber nach, „als sei mir das hier alles wurscht.“ Nur krampfig soll es eben nicht werden.

Die Sorge ist unbegründet: Es ist sechzehn Uhr; Petras hat auf der Kantinenterrasse mit seinen Schauspielern gegessen, ziemlich viel gelacht und dann offenbar mit einer Effizienz Dienstgespräche geführt, die eine existenzielle Bedrohung für den gesamten Berufszweig der Unternehmensberatung darstellen dürfte. Die Telefonliste, die ihm seine Assistentin in die Hand gedrückt hatte, sah jedenfalls besorgniserregend aus. Aber Petras sitzt schon wieder bestens gelaunt und hochkonzentriert in einem kleinen Probenraum im Bürotrakt des Gorki. Auf dem Plan steht die zentrale Premiere des großen „Eröffnungsspektakels“ am letzten Septemberwochenende: „Baumeister Solness“. Geprobt wird dessen erste Begegnung mit der jugendlichen Hilde Wangel, die in einer Mischung aus Verhuschtheit und Impertinenz einfach so hereinschneit ins lebensherbstliche Baumeister-Dasein. Statt Tocotronic ein subtiler Gefühlskrimi. Petras probt jetzt seit sieben Stunden: keinerlei Ermüdungserscheinungen!

Die allerdings könnte er sich auch nicht leisten: Zehn zum Teil parallel laufende Premieren an einem Abend sollen seine Ära am Gorki einleiten; Inszenierungen von Goethe- über Fassbinder- bis zu Schleef-Texten. „Spuren.Suche“ heißt das Konzept, das Petras mit der Chefdramaturgin Andrea Koschwitz für Eröffnung und erste Spielzeit erarbeitet hat: Ein Dialog mit der spannungsreichen Geschichte des Gorki-Theaters. Seine West- Ost-West-Biografie, sagt er, habe seine Arbeit sicher geprägt. „Orte, an denen ich mich befinde, sind Orte, an denen ich beobachte. Das ist schmerzhaft, weil es natürlich immer eine Sehnsucht gibt dazuzugehören. Auf der anderen Seite, glaube ich, ist es aber auch eine Qualität.“ Eine Qualität des analytischen Blicks, die sich in Petras’ Vorstellung vom Theater als „Forschungslabor“ spiegelt.

Zwanzig Uhr: Der Intendant verschwindet wieder im Saal. Noch mal drei Stunden Kleist. Eigentlich könnte man jetzt auf der Stelle seine Wohnung renovieren.

Gorki-Theater: Eröffnungsspektakel, am 29./30. September, 18 Uhr

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