Kultur : Im Königreich der Kindheit

1958 war es, da brach eine Liebe zu Italien aus: in Jesolo an der Adria. Unser Autor ist dorthin zurückgekehrt – ohne sich um Berlusconi & Co zu kümmern

Wolfgang Prosinger

Es ist ein Palast gewesen. Mit Zimmern, so groß wie Tanzsäle. Und wenn es Morgen war, dann funkelte eine Sonne übers Meer und schaute direkt zum Fenster herein. Draußen spielten die Wellen miteinander, und der Sand glitzerte, weil er aus purem Gold war. Es hieß Hotel Diana, und es war mein Königreich, ach was, Kaiser war ich mindestens.

Wer mit zehn Jahren Kaiser ist, muss sich vorsehen. Kaiser sein macht süchtig. Man will immer mehr davon, immer wieder, immer noch einmal.

Ihren Anfang nahm diese Sucht im Jahr 1958. Meine Eltern hatten ihr erstes Auto gekauft, einen nagelneuen Volkswagen, er war blau wie die Sehnsucht, und es passte ganz wenig Gepäck hinein. Aber wofür braucht man viel Gepäck, wenn man direkt in einen Palast fährt und ins Schlaraffenland obendrein? Jedenfalls standen wir um vier Uhr morgens auf und verteilten die Reise sicherheitshalber gleich auf zwei Tage. Denn der Weg schien uns weit, gewagte 510 Kilometer: München – Lido di Jesolo, italienische Adria, gleich neben Venedig. Ein Abenteuer. An Autobahnen war kaum zu denken damals, die Brennerstraße wickelte sich in endlosen Windungen über Berg und Tal, und was uns jenseits der österreichischen Grenze erwarten würde, lag schon ganz und gar im Ungewissen. Gab es in diesem fernen Land überhaupt reguläre Straßen, Verkehrsschilder, gar Tankstellen? Wir hatten einen Benzinkanister dabei.

Hotel Diana. So viel Exotik war nie mehr. Mochten später die Reiseziele kühner werden und die Ansprüche größer. Was waren sie im Vergleich mit dem aufgeregten Glück eines Zehnjährigen im blauen VW-Käfer und im goldenen Sand von Jesolo? Als alles neu und unerhört war. Eine Sprache, die keiner verstand. Gerichte auf dem Tisch, die keiner je gegessen hatte. Espresso, was ist das?

Un gelato da cinquanta

Jesolo 1958. Es ist modern, sagte mein Vater. Es ist modern, sagte meine Mutter. Es ist das Modernste vom Modernen, fanden meine Schwester und ich.

Jesolo 2003. Darf man das tun: noch einmal hinreisen? Ins Königreich der Kindheit? Nachsehen, was daraus geworden ist. Und den Erwachsenen einfach in den Palast der Kindheit stiefeln lassen. Darf man das? Eine Reise in die früh- und vorbewussten Wirklichkeiten? Psychoanalyse auf Italienisch? Soll ich das wirklich riskieren? Natürlich nicht.

Immerhin, das Hotel Diana steht im Internet. Gibt es also noch. Hat auch eine Telefonnummer.

Ach, Unsinn.

Ein Zimmer, sagen sie, ist noch frei. Sì, sì, una camera singola, solo due notti. Nur zwei Nächte.

Na, gut.

Wenn es dunkel wurde in Jesolo, hat mir mein Vater ein 50-Lire-Stück in die Hand gedrückt, und ich bin vom Hotel über die Straße gelaufen und habe vier Wörter gesagt: un gelato da cinquanta. Dann hat mich der Eismann nach den Sorten gefragt, und ich habe geantwortet: limone e cioccolata. Das waren noch einmal drei Wörter. Mehr konnte ich nicht. Ich brauchte auch nicht mehr. Ich stand mit meinem Eis – es war ein riesengroßes Eis – gegenüber dem Hotel Diana. Es war der schönste Platz der Welt, und die Frage nach dem Sinn des Lebens musste fortan nicht mehr gestellt werden.

Im Jahr 2003 reise ich nicht von München an, sondern von Berlin, 1160 Kilometer. Die Anreise muss nicht auf zwei Tage verteilt werden, auch einen Benzinkanister habe ich nicht dabei. Das Flugzeug braucht genau eine Stunde und 25 Minuten nach Venedig. Von dort fährt ein Bus. Es ist ein Katzensprung.

Jesolo ist schnurgerade. Eigentlich ist der ganze Ort nur eine einzige Straße, Via Bafile. Der Unterschied zwischen 1958 und 2003 ist nur: Damals war die Straße ein paar hundert Meter lang. Heute misst sie zehn Kilometer. Es ist die längste Fußgängerzone Europas, „ja, vielleicht sogar der Welt“: Wenn er das sagt, freut sich Signor Arminio de Zotti ganz ungemein. Schließlich hat nicht jeder Präsident eines Fremdenverkehrsvereins so einen Superlativ zu bieten. Letztes Jahr übrigens haben sie hier an der Küste um Jesolo, der 70 Kilometer langen Costa Veneziana, mit ihren Übernachtungszahlen sogar den sagenumwobenen Teutonengrill von Rimini übertroffen. Aber das nur nebenbei, weil es jetzt etwas viel Wichtigeres zu tun gibt, als mit Herrn de Zotti zu plaudern. Jetzt suchen wir erst mal das Hotel Diana.

Es ist ja ganz leicht zu finden, weil riesengroße Paläste direkt am Meer schließlich nicht zu übersehen sind. Und es ist ein Tag, wie die Tage damals waren, das Meer blitzt so blau wie unser Volkswagen, und alles ist Erinnerung. Nur ein paar Schritte noch. Oder etwa doch in die andere Richtung? Oder nach links oder nach rechts? Vielleicht doch mal fragen.

Es war dann eine kleine Seitenstraße, bloß ein paar Meter von der Fußgängerzone entfernt, da steht es, da steht es wirklich noch, Hotel Diana, mein Königreich.

Kein Königreich. Aufgeplatzter Putz an den Wänden, die Zimmer klein wie Schlafkojen, das Bad so winzig wie eine Telefonzelle, Fünziger-Jahre-Bau, zwei Sterne: vorletzte Kategorie.

Und es steht nicht einmal am Strand.

Aber der Sand, das sage ich euch, der ist aus purem Gold. Denn es muss doch einen Grund geben, warum mir dieses Kinder-Jesolo von 1958 (und den Jahren danach) so in die Glieder fuhr, dass daraus ein ganzes Stück Leben wurde. Italien, immer wieder Italien, erst im Sommer, dann auch im Winter, dann im Sommer und im Winter, und dann ganz und gar Italien, Umzug nach Rom, fünf Jahre ein italienisches Leben. Das hat in Jesolo begonnen. Da war etwas. Was ist es bloß gewesen?

Vielleicht war es dieser Fernseher. Er stand in der kleinen Hotelhalle und lief den ganzen Abend (Tagesprogramm gab es damals noch nicht) keineswegs in Zimmerlautstärke. Ich hörte ihn bis ins zweite Stockwerk hinauf, er schallte bis in den Speisesaal, und immer, wenn ich den Eltern entwischen konnte, stand ich davor. Weil das etwas ganz Neues war, etwas ganz Verpöntes. Fernsehen zu Hause? Nicht daran zu denken. Aber hier waren Ferien, und hier war Italien. Meine Lieblingssendung hieß „Carossello“. Es war der Werbeblock.

Pasta statt Erbswurst

Und dann waren da diese Abende. Da ging es nach dem gemischten Zitronen-Schokoladen-Eis die Via Bafile mit Eltern und Schwester hinauf und hinunter, da tobte das Leben, da waren die Geschäfte geöffnet, obwohl es längst schon dunkel war, und meine Mutter kaufte Pullover, Tücher, Schuhe, es summte, es brummte, aus allen Fenstern plärrte „Carossello“, und ich durfte immer noch aufbleiben. Dass die Nacht nicht allein zum Schlafen da ist, war eine Erkenntnis aus dem Jahr 1958.

Und dann diese rätselhaften Speisen, die das Hotel Diana mittags und abends auf den Tisch brachte. Teller voll Nudeln statt der Suppe. Dicke Nudeln, dünne Nudeln, lange Nudeln, kurze Nudeln. Spaghetti – nie gehört. Wir schreiben das Jahr 1958, und die Deutschen waren zwar schon länger aus dem Hungerloch der Nachkriegszeit gekrochen, aber die Ernährungsvarianten waren über Erbs- und Leberwurst, Karotten und Kartoffeln meist noch nicht weit hinaus geraten. Und hier in Jesolo die Offenbarung. Drei Gänge, einer nach dem anderen serviert, unglaublich. Und meine Mutter aß den Pfirsich mit Messer und Gabel. Ich staunte und bewunderte ihre Weltläufigkeit.

All diese Neuigkeiten schufen eine Welt, in der ich noch nicht war und in der ich von nun an immer sein wollte. Jesolo war zur Chiffre geworden für nichts anderes und nichts Geringeres als Freiheit. Jesolo war die Verheißung einer Welt, die ausbricht aus dem strengen Regelwerk eines kalten Nordens.

Jesolo 2003: Schwer vorstellbar, dass ausgerechnet hier die Eintrittskarte zum Reich der Freiheit erhältlich sein soll. Allein der Strand – was für ein Irrglaube, dass hier das bunteste Durcheinander herrschen solle. Im Gegenteil, der Strand ist ein Exerzierplatz preußischer Disziplin. Wie Soldaten stehen sie da, aufgereiht, ausgerichtet, still gestanden: 15 Kilometer lang Sonnenschirm an Sonnenschirm, immer elf hintereinander, 500 Meter gelb-blau, auf dass kein Farbenchaos Verwirrung stifte, 500 Meter blau-gelb.

Äußerste Strenge waltet auch bei der Aufteilung der Strandzonen: Ganz vorne der Meeresrand, wo der Sand noch feucht ist, der gehört denen, wie ich einer war: den Burgenbauern, Goldgräbern, Sandarbeitern. Und es gibt ihn auch heute noch, den berühmten Unterschied zwischen italienischer und deutscher Ingenieurskunst am Strand: Hoch- oder Tiefbau? Ist eine Burg steil in die Höhe gebaut, mit Türmen und Zinnen gar, dann ist sie Made in Germany. Hat aber einer tief in die Geheimnisse der Erde gegraben, dann war ein italienisches Kind am Werk.

Gleich hinter der Zone der Baumeister beginnt das Reich der Spieler, Boccia, Fuß-, Soft- und Volleyball, und dann endlich das Herzstück des Strands, die Sonnenschirm- und Liegestuhlabteilung, dieses Gelände des immerwährenden Liegens und Lesens, des Cremens und Schlafens und noch einmal Cremens, des unermüdlichen Wartens, bis es Abend ist. Und mittendrin, da thronen die Herrinnen des Strandes, die Großmütter mit strengem Blick und fester Kleidung. Sie liegen nicht, sie sitzen, sie sitzen immerfort, und in dieser beharrlichen Sesshaftigkeit erfüllt sich ihre ganze Ferienexistenz.

Am Ende des Strandes kommt dann die Zone der Erfrischungen, die Duschen, die Kioske, die Eiswagen, und alles hat hier seine schönste Aufgeräumtheit, die gut gekehrten Wege, die säuberlich eingefassten Blumenrabatten, Oleander, Petunien, Geranien. Gern Geranien.

Und noch einmal dahinter die unendliche Kette der Hotels, Pensionen und Apartmenthäuser. Fünfstöckig, sechsstöckig, schnell gebaut, billig gebaut. Nein, eine bellezza ist Jesolo nicht. Wie auch? 24 000 Einwohner hat der Ort im Winter. Und jeden Sommer die Explosion. An die 400 000 Einwohner können es dann plötzlich werden. Und irgendwo müssen die ja schlafen. „Eine wilde Bebauung“, das bekennt auch Signor de Zotti im Fremdenverkehrsbüro. Aber jetzt, sagt er, wird das alles anders. Denn jetzt hat er, und das ist für einen Fremdenverkehrspräsidenten ja nun wirklich der ganz große Coup, jetzt hat er den japanischen Stararchitekten Kenzo Tange gewonnen. Und der wird Jesolo, der Gesichtslosen, ein Gesicht verpassen. Vier Wolkenkratzer sollen bald in den Himmel wachsen, Türme, die das Bandwurmstädtchen strukturieren und ihm so etwas wie eine Skyline verleihen. Dafür, sagt Amorino de Zotti, müsse man natürlich erst mal ein paar Häuser abreißen. Das Hotel Diana übrigens auch.

Alessi in der Küche, Fendi im Schrank

Die Begegnung mit Jesolo 2003 ist eine melancholische Begegnung. Die Fußgängerzone hinauf, den Strand hinunter – nirgendwo will sich mehr jener Zauber einstellen, der das Herz zum Klopfen bringt wie damals und die Augen zum Staunen. Selbst das Wundereis gleich beim Hotel Diana schrumpft mit heutigen Augen besehen zu ganz banalen Tüteneisdimensionen. Und weil wir gerade bei den großen Ernüchterungen sind: Das Hotel Diana heißt gar nicht so, ich habe den Namen geändert – aus lauter Trauer über die enttäuschte Kindheitsgewissheit.

Jesolo 2003 ist eine Suche nach der verlorenen Verheißung. Das Fremde, das es einst zu entdecken gab, als halb Wirtschaftswunder-Deutschland in die Sonne aufbrach, ist heute das Nahe. Nicht nur, weil die Flugzeuge so schnell und die Straßen so breit geworden sind. Mehr noch deshalb, weil Italien längst über die Alpen gekommen ist, sich in den Restaurants niedergelassen hat, in den Supermärkten, in den Möbelhäusern, in den Boutiquen. Weil die Zuckerdose in der deutschen Küche von Alessi ist, die Krawatte von Fendi, das Parfum von Laura Biagiotti, der Kaffee von Illy, und die Maschine, die ihn bereitet, heißt Pavoni. Die Aneignung der Ferne hat die Geheimnisse enträtselt, und die Mütter geben die Zabaione- und Ossobuco-Rezepte an ihre Töchter weiter, als ginge es um die Zubereitung von Semmelknödeln. Italien ist überall. Und deshalb ist es in Jesolo so schwer zu finden.

Nun ist gerade noch Zeit, von Armando zu reden. Er wird 1958 an die 18 Jahre gewesen sein. Er hatte schwarze Haare und noch schwärzere Augen. Armando war für die Sonnenschirme zuständig und für die Liegestühle. Dafür, dass alles seine Ordnung hatte am ordentlichen Strand. Und weil das nicht den ganzen Tag ausfüllt, hatte Armando viel Zeit. Er spielte oft mit mir und sprach diese wunderbare unverständliche Sprache. Meistens aber sprach Armando mit den Mädchen und den Damen, und er schaute sie dabei aus seinen schwarzen Augen sehr glutvoll an. Damit fand er viel Wohlgefallen am Strand, auch meine Mutter unterhielt sich gerne ausführlich mit ihm, wenn ich mich recht erinnere. Und sie verstand von dem, was Armando sagte, genauso wenig wie ich. Aber darauf kam es schließlich gar nicht an.

Heute hat der, der sich um die Liegestühle kümmert, ein orange-blaues T-Shirt an. „Beach Stuff“ steht darauf. Er hat nicht einmal schwarze Augen. Aber dafür zwei Ohrringe. Meine Mutter, glaube ich, hätte sich nicht sehr lange mit ihm unterhalten.

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