Kultur : "Im Konfliktfeld zwischen Ost und West": Wettstreit der Systeme auf neutralem Boden

Gerd Peter Merk

Eines der besten Bücher über das vereinte Deutschland handelt zunächst von Finnland. Erstmals werden in ihm politische Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Finnland und den beiden deutschen Staaten bilanziert. In den 50er und 60er Jahren war Finnland aus DDR-Sicht ein kapitalistisches Land. Es gehörte jedoch keinem westlichen Bündnis an und hatte als einziger westlicher Staat einen Beistandspakt mit der Sowjetunion geschlossen. Die zu befürchtende Vereinnahmung durch die sowjetische Großmacht existierte latent, schon durch die Nähe, der sich der kleinere Nachbar aber mit strategischen, fast trickreichen Mitteln entzog.

Die für historisch Interessierte spannend zu lesende Untersuchung der in Greifswald lehrenden Dörte Putensen beginnt 1947, als die Nationalitätenfragen für den alten "Waffenbruder" Deutschland, in der Zeit vor Gründung der Bundesrepublik, also vor Konstituierung einer DDR-Regierung, noch ungewiss war. Bis finnische, deutsche und sowjetische Interessen sowie historisch bedingte Befüchtungen jene Konflikte schufen, die damals unlösbar schienen.

Mitunter komische Züge nahm die Sorge an, in deutsch-deutscher Konkurrenz gegenüber den Skandinaviern nicht genug dabei zu sein. Um etwa "mit dem ostdeutschen Vertreter in Helsinki mithalten" zu können, wies der bundesrepublikanische Generalkonsul bei Gesprächen in Bonn im Herbst 1960 darauf hin, "dass es für ihn in Anbetracht des Auftretens des Leiters der sowjetzonalen Handelsvertretung in Helsinki", der ebenso als "Generalkonsul" tituliert wurde, "nützlich" wäre, wenn er eine deutsche Ordensauszeichnung verliehen bekäme. Der 6. Dezember 1960 sei Finnlands Nationalfeiertag. Bei dem Empfang des finnischen Staatspräsidenten werde Herr A. im Schmucke seiner Auszeichnungen auftreten, denen er (Herr O.) nichts entgegenzusetzen habe.

In der Frage der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gleichbehandlung dokumentiert das Buch die diplomatischen Ränke. Die Bundesregierung etwa sah 1955 "die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DDR durch dritte Staaten, mit denen sie offizielle Beziehungen unterhielt, als einen unfreundlichen Akt an". Immer misstrauisch beäugt vom großen Bündnispartner UdSSR, wurden die finnische Regierung und die Öffentlichkeit mitunter von den DDR-Oberen mit offiziellen außenpolitischen Dokumenten, mit Filmen und Musik überhäuft. Bis hin zur Ausstellung von Porzellan ging der Wettstreit der Staatssysteme auf neutralem Boden, während es gleichberechtigtes Reisen über vier Jahrzehnte lang zwischen zwei real existierenden deutschen Staaten nie gab.

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