Kultur : Im Kopf zu vollenden

BERNHARD SCHULZ

Mit wievielen Städten pflegt Berlin seinen Kulturaustausch? Naturgemäß stehen die großen Zentren im Vordergrund, New York voran.Je weniger der Kulturaustausch eine geplante Angelegenheit auf Regierungsebene ist, desto besser; allerdings bedarf es oft genug der Hilfestellung, um Institutionen in anderen Ländern zu ermöglichen, die erwünschten Kontakte zu materialisieren.

Berliner Künstler nach Kreta zu bringen, mag in dieser Perspektive heißen, Eulen nach Athen zu tragen; wieviele mögen schon als Touristen, als Inspirationssucher, gar als Sommerbewohner auf diese Insel gekommen sein.Berliner Kunst hingegen ist eher unbekannt.Mit ein wenig offizieller Unterstützung gelang es jetzt, beides zu vereinigen.Die Ausstellung "Made in Berlin" im Zentrum für zeitgenössische Kunst von Rethymnon - die anschließend in die Hauptstadt Athen wandert - versucht, mit den Arbeiten von neun Künstlern der jüngeren Generation einen Eindruck zu geben von dem, was in Berlin derzeit im Gange ist.

Immer wieder ist beklagt worden, daß der Berliner Kulturexport allzulange an bewährten Mustern festhält.Die Ausstellung, die die Berliner Kuratorin Birgit Hoffmeister in die verschachtelten Räume des aus mehrerlei Bauzeiten stammenden Gebäudekomplexes hineinkomponiert hat, ist demgegenüber kompromißlos "von heute".Rethymnon als Sitz eines Teils der Universität von Kreta erscheint dafür glücklich gewählt; zudem kann das Haus auf eine beeindruckende Reihe von Ausstellungen heutiger Kunst verweisen.Der Kontrast der Kunst zur historischen Altstadt von Rethymnon, das sich im Unterschied zu anderen Touristenzentren der Insel seine Integrität durchaus erhalten hat, kommt als ein zusätzliches Moment hinzu.Der Blick soll von griechischer Warte aus auf die Berliner Kunst fallen, von einem Land, das den Austausch mit den dominierenden Kunstzentren seit längerem intensiviert und beispielsweise mit der Ausstellung "Greek Realities" Ende 1996 in Berlin gezeigt hat, welche eigenständigen Beiträge mittlerweile von dort kommen.

In Rethymnon nun ist ein Auftritt zu erleben, der die Berliner Situation bewußt zuspitzt.Nach den Wellen der Malerei, die in politisch engagierter Spielart die siebziger Jahre und in neo-expressionistischer die achtziger beherrschten, steht heute die Skulptur im Vordergrund - freilich verstanden als Oberbegriff für Installationen und Situationen, die sich der unterschiedlichsten Materialien und technischen Mittel bedienen.Im Grunde kann heute Skulptur nur noch in ihrem gegebenen Raumkontext und als Raumbildung verstanden werden.Eine Dia-Projektion von Gunda Förster ist darum ebenso eine Skulptur wie die dem tradierten Begriff noch am nächsten kommende Arbeit von Manfred Pernice.Die erstere zeigt "Variationen des Zufalls", wobei Begriffe und Bilder in zufallsbestimmter Abfolge in schnellem Wechsel übereinander projiziert werden, der letztere hat seine in jeder Hinsicht sperrige Holzkonstruktion "Weinberg" auf die Insel verschiffen lassen.Auch Sabine Hornig und Antje Majewski befassen sich mit "Raum", den sie ebenso abbilden wie überhaupt konstruieren.Während die eine banale Hauseingänge fotografiert und zu einer scheinbaren Straßenfront "rekonstruiert", baut die andere aus Hunderten von Einzelaufnahmen ein und derselben Ansicht kohärente, gleichwohl irreale Bilder.Das Endlos-Video von York der Knöfel mit dem Luftballons aufblasenden und jedesmal von deren lautem Platzen erschrockenen Künstler zwingt zum Hinsehen, obwohl die Handlung feststeht.Von Olaf Nicolai sind Leuchtdias von Pflanzenarrangements zu sehen, die virtuos mit der Undeutlichkeit des Größenmaßstabs spielen.Leuchtdias verwendet auch Hans Hemmert, um seine Raumverfremdungen durch verformbare Latexballons nochmals ins Fiktive zu übersetzen.

Der schnelle Wechsel der Ebenen von Realität, Simulation und Fiktion und die entsprechenden, unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen sind den Künstlern der mediengeübten Generation selbstverständlich; sie setzen einen entsprechenden Umgang beim Betrachter nonchalant voraus.Überhaupt treten die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten dem Betrachter nicht als abgeschlossene "Werke" gegenüber, sondern als Wahrnehmungsangebote.Der Betrachter muß sie im Kopf quasi vollenden.Sie sind in ihrer Mehrzahl situationsbezogen; und die kniffligen Raumverhältnisse in Rethymnon zwangen die vor Ort tätigen Künstler zu mancherlei Anpassungen ans Vorgefundene.Aber genau das spiegelt die Situation der Berliner Kunst, wie sie in den Lofts und Ladengalerien rund um die Auguststraße geschaffen und gezeigt wird.Es wäre spannend, die kompakte Kreta-Auswahl in ihrem Berliner Ursprungsmilieu wiederzusehen.

Rethymnon (Kreta), Zentrum für Gegenwartskunst, bis 6.Dezember; anschließend in Athen.Katalog umgerechnet 12 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar