Kultur : Im Kosovo welkt manche Hoffnung

BERNHARD SCHULZ

Es gibt Länder, mit denen Deutschland problemfreien Kulturaustausch pflegt, solche, mit denen es kaum oder keinen Austausch unterhält, und es gibt Rußland.Rußland ist der Sonderfall in den deutschen Außenbeziehungen, wie umgekehrt Deutschland der Sonderfall der russischen.Mit keinem anderen Land, so ein Grundtenor der Beiträge beim Deutsch-Russischen Forum Mitte dieser Woche in Potsdam, fühlt sich Rußland so tief verbunden, und zugleich von keinem zweiten im Laufe der Geschichte so tief verletzt.Gegenüber keinem anderen Land sind die Beziehungen von solcher Zuneigung getragen, und kein zweites enttäuscht die Russen dermaßen wie jetzt die Bundesrepublik als aktiver Teilnehmer des Kosovo-Krieges.Pathetisch - und auch darin bezeichnend - sprach der Historiker Arsenij Roginskij altes Leid an: "Wir hatten den Deutschen verziehen, aber der Kosovo-Krieg stellt alles in Frage."

Dieser Krieg, den der Westen um der universell höchsten Werte willen zu führen behauptet - und dies unter Vorrang sogar vor dem Friedensgebot -, hing als dunkler Schatten über dem zweitägigen Symposium.Bundespräsident Herzog, auf dessen Anregung aus dem Jahre 1997 die deutsch-russische Zusammenkunft zurückgeht, ging in seiner Eröffnungsansprache der als "Potsdamer Begegnungen" etikettierten Veranstaltung auf den Kosovo-Konflikt ein und mußte es als Staatsoberhaupt gewiß auch.Doch daß der als Redner allerorten begehrte Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste, György Konrßd, in seiner anschließenden, diesmal eher weitscheifigen Rede von kaum etwas anderem sprach, mußte bei einer Tagung unter dem Titel "Deutschland und Rußland in der Zeitenwende: Kultur im Dialog" enttäuschen.Jedenfalls war so das Thema vorgegeben, von dem sich die hochnobel besetzte Versammlung kaum zu entfernen vermochte.Der fruchtbaren Diskussion der kulturellen Beziehungen blieb sie einiges schuldig.

Auf spezifische Vorträge, die Einrichtung von Arbeitsgruppen oder auch nur auf die Bereitstellung verläßlicher Unterlagen zum Stand der Dinge hatten die Veranstalter ohnehin verzichtet.Die Namensliste der knapp 60 Teilnehmer war ihnen Programm genug, dazu die erwähnten Leitansprachen der Präsidenten sowie anderentags des brandenburgischen Ministerpräsidenten Stolpe, der übrigens den politischsten Vortrag ablieferte.Aber die durchweg vielminütigen Statements, die die Teilnehmer in rechteckiger Sitzordnung ablieferten, kreisten anfangs allein um den Kosovo und schienen russischerseits der Selbstvergewisserung geschuldet zu sein, daß man auf gleicher Linie liege; und diese Linie hieß Entrüstung über die Verletzung einer russischen Großmacht-Identität, die offenkundig das gewichtigste Erbstück der alten Sowjetherrlichkeit ausmacht.

Welche Urängste das Nato-Vorgehen berührt, ließ Maja Turowskaja, unendlich verdienstvoll um die wechselseitige Vermittlung der Filmgeschichte, erkennen, als sie dem russischen Empfinden Ausdruck gab, "wir könnten das nächste Ziel der Waffen" sein.Erst im Laufe der Veranstaltung meldeten sich analytische Stimmen wie die der Moskauer Politologin Lilia Schewtsowa, die die Schwierigkeiten Rußlands mit dem Umstand beschrieb, am Aufbau einer neuen Weltordnung nicht beteiligt zu sein.Ihr Hinweis, die deutschen Erfahrungen mit der "Transformation" der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg könnten Rußland nützlich sein, verdiente vertieft zu werden.

Erst nach und nach kamen die ureigenen Probleme des Kulturaustauschs zur Sprache.Interessanterweise waren es durchaus nicht die russischen Beiträge, die das schlichte Klagelied des Geldmangels anstimmten; wohl wissend, daß Geld in diesen Tagen eher zu versickern droht.Jurij Ljubimow, der als Dissident lange im Westen tätig gewesene Theaterregisseur, nannte die derzeitige Praxis des Kulturaustauschs "oft unkoordiniert, träge, nicht besonders spontan".Michael Kahn-Ackermann, Leiter des Moskauer Goethe-Instituts, wies auf den "Zusammenbruch institutioneller Beziehungen": Zusammenarbeit sei nur möglich "über Personen".

Im einzelnen wurden interessante Nuancen deutlich.Irina Antonowa, Direktorin des Moskauser Puschkin-Museums (und geschickte Bewahrerin des stalinistischen Beutekunst-Erbes), nutzte die gedrückte Stimmung, die westliche Bevorzugung der russisch-frühsowjetischen Avantgarde fast beiläufig zu kritisieren und stattdessen auf altrussische Kunst zu verweisen.Sybille Ebert-Schifferer, Generaldirektorin der Dresdner Kunstsammlungen, parierte mit dem Verweis auf die ungelösten Fragen der Kriegshinterlassenschaft.Nebenbei: die deutsch-russische Kommission zur Rückführung kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter, bei der Tagung keines Wortes gewürdigt, ist seit längerem klinisch tot.

Ein Grundton der russischen Beiträge war das Bedauern, daß die russische Zuneigung zur deutschen Kultur von den Deutschen nicht in umgekehrter Richtung erwidert werde.Das liegt nicht nur daran, daß in den neuen Ländern die DDR-verordnete Beschäftigung mit dem "Großen Bruder" nach der Wende schlagartig aufhörte und Rußland, wie der Schriftsteller Erich Loest drastisch formulierte, "zum langweiligsten Land der Erde" verkam.Der Historiker Karl Schlögel sieht Rußland nach der enttäuschten Hoffnung auf eine neue Gesellschaft "aus unserem Horizont wegdriften".

Und doch zog sich die Betonung der (Wahl-)Verwandtschaft wie ein roter Faden durch die Beiträge.Wichtig, wenn auch zumal von der anwesenden diplomatischen Prominenz Bundesdeutschlands nicht gern gehört, waren Hinweise wie der des Politologen Sergej Henke, zu den Gemeinsamkeiten der deutschen und der russischen Geschichte gehöre "die Ambivalenz gegenüber dem Westen".Und, mehrfach umkreist, die Vergangenheit der Diktatur - und dies eben nicht als Opfer, sondern in erster Linie als Länder der Täter und Taten.Das kann gewiß kein hinreichendes Programm für den kulturellen Dialog zumal der jüngeren Generation sein, aber es wird im zutiefst emotional geprägten Verhältnis von Deutschen und Russen immer mitschwingen.

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