Kultur : Im Labyrinth der Buchstaben

Das Berliner Maxim Gorki Theater bringt Cornelia Funkes Erfolgsroman „Tintenherz“ als werkgetreues Spektakel auf die Bühne

Patrick Wildermann

Bücher sind wie Fliegenpapier – an nichts haften Erinnerungen besser als an bedruckten Seiten. Bücher müssen schwer sein, weil die ganze Welt in ihnen steckt. Manche Bücher müssten gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige kaut man und verdaut sie ganz. Bücher – nein, stopp. Obwohl man noch eine Weile weiterzitieren könnte, denn Cornelia Funkes Mega-Erfolgsroman „Tintenherz“, aus dem all diese Zitate stammen, ist eine Fundgrube an Kalenderweisheiten über das Universum zwischen zwei Deckeln. Was ein bisschen putzig wirkt, denn jeder, der „Tintenherz“ zur Hand nimmt, hat sich ja schon gegen das Fernsehen entschieden, wird nun aber Seite für Seite darin bestärkt. Wobei das Lesen doch – wie die Autorin selbst mal sagte – auch eine asoziale, weil einsame Angelegenheit ist. Es sei denn, man liest laut.

Auf der großen Bühne des Gorki Theaters, wo die Jugendtheater-Fassung dieses ersten Teils der Tinten-Trilogie Premiere feiert, hat Diana Neumann den Part der Erzählerin übernommen. In feenhaftes Weiß gewandet, führt sie wie eine Off-Stimme im Film durch Funkes Roman, was zwar eine relativ untheatralische, aber notwendige Maßnahme ist. Denn obwohl das 566-Seiten-Opus auf die Haupthandlung zusammengestrichen wurde, kann es nicht schaden, wenn einer im Buchstabenlabyrinth den Überblick behält. Funke betreibt ja ein durchaus komplexes Spiel mit den Fantasieebenen. Ihr Held Mortimer, genannt Mo, ein Buchbinder, den Gunnar Teuber als melancholischen Wuschelkopf gibt, verfügt über die Gabe, Dinge und Figuren aus Romanen „herauszulesen“, was ihm den Spitznamen Zauberzunge eingetragen hat. Liest er beispielsweise aus Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ vor, regnet es Gold. Nur leider hat Mo vor Jahren zum falschen Buch gegriffen, zu „Tintenherz“ eben, woraufhin eine Reihe Finsterlinge lebendige Gestalt annahmen und im Gegenzug Mos Frau Resa von dem Buch verschluckt wurde.

Von all dem ahnt Mos Tochter Meggie nichts – Anika Baumann spielt sie mit einer einnehmenden Mischung aus Trotz, Naseweisheit und Verletzlichkeit –, was sich aber mit dem Auftritt eines ominösen Fremden namens Staubfinger ändert (schön verwegen: Andreas Klumpf). Dieser Gaukler setzt eine Hatz auf das letzte Exemplar von „Tintenherz“ in Gang. Und die inszeniert Regisseur Mark Zurmühle in kurzweiligen zwei Stunden.

Zurmühle, der es mit einem Publikum zu tun hat, das unerbittlich Werktreue einklagt, tut seinerseits gut daran, nicht zu viel in Funkes Buch hineinzulesen. Er hält, gemeinsam mit der Ausstatterin Julia Hattstein, dem Wort das Bild entgegen. Sehr filmisch-naturalistisch führt er „Tintenherz“ auf, das unter Regie von Ian Softley derzeit ja tatsächlich verfilmt wird. Die Drehbühne, auf der sich tintenbekleckste Quader zu finsteren Gängen und Räumen fügen, wird zum Lichtspielhaus voll Feuerzauber und Nebelschwaden. Der Oberbösewicht Capricorn, dessen schwarzes Herz dem ganzen Spuk den Titel gibt, ist bei Tim Hoffmann ein lustig-grusliger Bela-Lugosi-Verwandter. Und seine Handlanger Basta und Flachnase – Paul Walther und Manolo Bertling – gehen als Laurel und Hardy des Horror-B-Movies durch. Immer wieder entstehen starke Tableaus: etwa wenn die Bibliothek der alten Elinor (Ruth Reinecke) niedergebrannt wird.

Sicher, manche Szene wirkt papiern, aber dafür entschädigt der doppelbödige Spaß, den Ulrich Anschütz als Schriftsteller Fenoglio bereitet, Autor des verhängnisvollen „Tintenherz“, der zum guten Ende die rettende Kraft der Flucht in die Fantasie aufbietet. Was an ein Tolkien-Zitat erinnert, das Funke gern gebraucht: „Wer hat denn etwas gegen Flucht? Doch nur der Kerkermeister!“ Frenetischer Applaus. Patrick Wildermann

Wieder heute, 21. und 24. März, jeweils 16 Uhr

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