Kultur : Im Labyrinth der Präzision

Der indische Star-Autor Amit Chaudhuri ist S.Fischer-Gastprofessor und genießt den Kulturschock

Daniel Völzke

Gleich beginnt das Seminar, das er leiten soll. Der Schriftsteller Amit Chaudhuri sitzt entspannt in seinem kargen Büro. „Irgendjemand wird mich schon abholen“, meint er mit einer Gelassenheit, die ihn offenbar nie verlässt. Allein findet er den Weg zum nur wenige Biegungen und Treppen entfernten Seminarraum noch nicht: Der als „Silberlaube“ bekannte Gebäudekomplex der Freien Universität wirkt mit seinen Gängen, Säulen, Winkeln auf den 43 Jahre alten Inder wie ein Labyrinth. Seit zwei Wochen wohnt er in Berlin, Frau und Tochter blieben in Kalkutta. Als neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor unterrichtet er hier ein Semester lang indische Literatur. Auch in der Stadt muss er sich erst einmal orientieren. Manchmal bekommt er dabei Hilfe, wie kürzlich, als die Dichterin Ulrike Draesner ihm in Meldeangelegenheiten half. Doch das Verlorengehen mit der Aussicht darauf, sich wiederzufinden, scheint er zu genießen. „In Berlin öffnen sich immer wieder überraschende Räume.“ Eine unbekannte Stadtlandschaft mit Brüchen und Brachen, für die er sich begeistern kann – Perspektivwechsel, Verirrungen und Überlagerungen sind das literarische Prinzip seiner Arbeit.

Vor einigen Tagen sah Amit Chaudhuri eine junge Frau in der U-Bahn, die einen seiner Romane las; auch so ein Moment des überraschenden Wiederfindens in fremder Umgebung. Beim Aussteigen hätte er ihr beinahe zugerufen: „Einen guten Geschmack haben Sie!“ Doch dafür ist er zu bescheiden. In England, in den USA oder in seinem Heimatland braucht die literarische Welt den so unscheinbar wirkenden Chaudhuri nicht mehr zu entdecken: Seine ersten drei Romane, die auf Deutsch unter dem Titel „Melodie der Freiheit“ erschienen, machten den in Kalkutta geborenen Bengalen international zu einem der wichtigsten indischen Gegenwartsautoren, mit Preisen überschüttet. In diesem Buch, dem Folgeroman „Ein Sommer in Kalkutta“ und in zahlreichen Storys zeichnet er atmosphärisch reiche Bilder von der komplexen indischen Gesellschaft. Dafür spannt er keine weiten historischen Horizonte auf, wie es viele Leser seit Salman Rushdies „Mitternachtskinder“ von indischen Romanen erwarten. Chaudhuri, der Flaneur, erzählt anders, hat sich vom übermächtigen Rushdie emanzipiert: Kleine poetische Beobachtungen ersetzen große Handlungsbögen – seine Texte sind eher Schnappschüsse als Panoramabilder. In seinem ersten Roman lässt er sein kindliches Alter Ego Sandeep nachdenkend durch eine Straße gehen: „Warum schienen all diese Häuser anzudeuten, dass es über sie womöglich eine hochinteressante Geschichte zu erzählen gäbe? Und doch würde diese Geschichte niemals wirklich gut werden, weil der Autor, wie Sandeep, viel zu sehr damit beschäftigt war, statt einer guten Geschichte all das Unbedeutende und Nebensächliche aufzuzählen, aus dem das Leben auch besteht, und das Leben einer Stadt.“

Amit Chaudhuri führt vor, dass eine Geschichte auch dann „wirklich gut werden“ kann, wenn sie nur Nebensächliches aufzählt. Er beschreibt den Alltag weitverzweigter Familien und deren Personal: Die großen Hausgemeinschaften mit verschiedenen Milieus und politischen und religiösen Haltungen spiegeln die Vielfältigkeit des Subkontinents wider.

Chaudhuri, der in einem wohlhabenden, liberalen Elternhaus in Bombay aufwuchs und in Oxford und London studierte, genoss früh das Nebeneinander widersprüchlicher Ideen und Lebensstile. Man könnte von ihm als „Grenzgänger zwischen den Kulturen“ sprechen – wenn er diese Bezeichnung nicht als stereotyp ablehnen würde. Geschickt relativiert er Kategorisierungen, beispielsweise kürzlich in der Schaubühne, wo er sich beim Autorengespräch den Einordnungsversuchen der Moderatorin entzog. So erzählte er, dass er mit den Beatles groß geworden ist. Die normalste Sache der Welt. Heute singt er in einer Band, die indische mit westlicher Musik verbindet. Sie nennt sich This is not Fusion.

Dennoch erlitt Amit Chaudhuri einen Kulturschock, als er zum ersten Mal nach England kam: Die Straßen leer, die Menschen so umsichtig im Umgang miteinander: „In Indien wird man in seinem Denken ständig unterbrochen. Es bedeutet etwas anderes, im Westen zu denken, zu reden, zu schreiben.“ Wie zum Beweis schweigt er kurz. Nur das leise Summen des Computers erfüllt sein „Silberlauben“-Büro. In den Büchern des Bengalen dringt der Gesang des Muezzins, das kehlige Gemurmel der Händler und das Knattern der Motor-Rikschas in das Haus, in die Erzählung, „eine Art öffentliches Träumen“, wie er den Straßenlärm einmal nennt. Die zahlreichen Stimmen und Eindrücke in seinen Geschichten erinnern an indische Mythologien, an die unterhaltsame Koexistenz hinduistischer Götter. Die Verweigerung einer „eigentlichen Geschichte“ lässt auch an den Vordenker der Postmoderne Jean-François Lyotard denken, der vom Ende der „großen Erzählungen“ sprach. Doch im Gegensatz zu den Postmodernen erhofft Chaudhuri sich einen Ausblick auf etwas großes Eigentliches, das sich im Kleinen zeigt: „Ich mag die Idee, dass es ein Fenster, eine nur halb angelehnte Tür, eine Straßenflucht, eine Häuserspalte gibt, die einen Blick freilegt auf ein Draußen.“

Vielleicht fühlt sich der in seinem Schreiben so wenig theoretisierende Dichter auch deshalb zur Wissenschaft hingezogen. Wenn er spricht, spürt man den Willen zur Präzision. Mit seinen Gesten schneidet er in die zu diskutierende Materie wie ein Chirurg. In dem Berliner Seminar will er überprüfen, inwiefern man neuere indische Literatur durch den Begriff der „Moderne“ erfassen kann. Chaudhuri meint, dass diese indische Moderne in vielem der westlichen Moderne verwandt sei, sich aber in einem wesentlichen Punkt unterscheide: „Sie interpretiert unentwegt neu, was indisch ist und was nicht.“ Und wieder zerteilt er mit sachtem Handkantenschlag die Luft.

Da klopft es und eine Studentin betritt das Büro, um ihn abzuholen. Das Seminar beginnt. Gleich wird Amit Chaudhuri vor die Teilnehmer treten und fragen: „Was glauben Sie, was Indien ist?“ Und dabei wird er, kaum dass man es bemerkt, lächeln wie ein Schelm.

Das Seminar (in englischer Sprache) findet jeweils Mittwoch von 18–20 Uhr in Berlin-Dahlem, Habelschwerdter Allee 45, Raum JK 28/130, statt. Chaudhuris Bücher sind im Blessing-Verlag erschienen.

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