Kultur : Im Labyrinth des Wahnsinns

Anat-Katharina Kalman

Die Erzählung "Neun Koffer" gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den ersten Berichten über die Deportation der ungarischen Juden im Jahre 1944. Geschrieben wurde sie Ende der 40er Jahre vom Publizisten Bela Zsolt, der dank der viel umstrittenen "Kasztner-Aktion" der endgültigen Deportation nach Ausschwitz entkommen war. Trotzdem erschien seine Erzählung in Ungarn erst 1980 in Buchform und nun erstmals in deutscher Übersetzung. Schnell wird jedoch dem Leser klar, weshalb ihre Veröffentlichung hinausgezögert wurde. Denn diese Deportationsgeschichte unterscheidet von den anderen vor allem darin, dass sie alles und alle rücksichtslos in Frage stellt.

Der mörderische Faschismus wird hier zum kollektiven Wahn, dem sich alle - Täter, Mitläufer, die westliche Welt und selbst die Opfer - gnadenlos unterwerfen. Er wird zum "europäischen Phänomen", in dem nicht "der Deutsche" der blutrünstige Nazi und nicht "der Ungar" der fanatische Pfeilkreuzler ist, sondern in dem alle unter der Peitsche einer politischen Terrorherrschaft nur an eines denken: ans Stillhalten, ans Überleben und auch ans Profitieren. Zsolt führt den Leser dann durch ein Labyrinth des Wahnsinns, in dem es keine "Guten" und keine "Bösen" mehr gibt.

Der Journalist beobachtet scharf. Ja, die Schärfe und die Distanz, mit der er alles beschreibt, machen ihn unerbittlich, gnadenlos. Da rechtfertigen seine Pariser Freunde die westeuropäische "Appeasement-Politik" mit: "Nehmen Sie es uns nicht übel. So traurig das auch ist, aber für das osteuropäische Judentum können wir doch nicht die ganze Zivilisation riskieren." Seine Frau, die sich als "Bürgerin von Grosswardein" versteht, zwingt ihn bei Kriegsausbruch aus dem Pariser Exil nach Ungarn zurückzufliehen. Dort bewundern jüdische Adelige nicht nur den italienischen Faschismus, sondern auch den faschistoiden Reichsverweser Miklos Horthy und begreifen die Welt nicht mehr, als man sie in ein Ghetto sperrt. Dort sieht Zsolt die kleinen Leute, die erleichtert aufatmen, als sie hören, dass "nur" die Besitzenden gefoltert werden und dabei hoffen, selbst bald entlassen zu werden.

Bela Zsolt zerrt den Leser durch die staatenlose Hölle der menschlichen Schuld. Wenn es um das nackte Überleben geht, um das "Promille einer Lebenschance", verliert fast jeder sein menschliches Gesicht.Bela Zsolt: Neun Koffer. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1999. 394 Seiten. 48 DM.

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