Kultur : Im Land der Kokosnüsse

Bodo Mrozek

Mode und Musik hängen untrennbar zusammen. Die Folgen sind oft nachhaltig. So ist der Zusammenhang zwischen der Erfindung einer Hose aus grobem, blauen Baumwollstoff und der Verbreitung der Musik der amerikanischen Südstaaten evident. An den Spätfolgen beider Phänomene (das eine Jeans, das andere Rock’n’Roll genannt) tragen wir bis heute. Hawaiihemden und Surf-Gitarren, Nietengürtel und Krach, Baseballmützen und rhythmisch gereimte Sprechchöre: kommt alles turnusgemäß wieder. Doch verglichen mit der Innovation eines Kleidungsstückes, das gerade sein sechzigstes Jubiläum feiert, sind solche Modeerscheinungen geradezu unbedeutend.

Dabei galt jene Erfindung einmal als Skandal erster Ordnung. Das von dem französischen Ingenieur Louis Réard erdachte zweiteilige Nichts verhüllte weniger als es entblößte. Ursprünglich trug es denn auch eine Striptease-Tänzerin. Nicht minder provokant war der Name der neuen Kreation. Sein männlicher Erfinder nannte es 1946 „Bikini“ – nach einem Südsee-Atoll, in dem Tage zuvor die Atombombe getestet worden war. In der Sprache der Insulaner bedeutete das Wort Bikini „Land der Kokosnüsse“. Die Weltöffentlichkeit zeigte sich über den Anblick eines weiblichen Bauchnabels weit empörter als über die radioaktive Verstrahlung einer idyllischen Insel durch eine Massenvernichtungswaffe. Anti-Bikini-Vereine schossen aus dem Boden, an vielen Stränden galt der Zwang zum Einteiler. In München verurteilte ein Gericht noch Mitte der sechziger Jahre eine Schülerin zu einem Wochenende Sozialarbeit, weil sie einen Bikini trug.

Doch der Körperkult war nicht zu stoppen. Brian Hyland und Connie Francis besangen den „Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polkadot Bikini“, Bands wie The Bikinis oder Bikini Kill führten ihn im Namen und er zierte unzählige Plattencover vom Surf-Punk bis zu Britney Spears. Heute, wo textilfreie Natürlichkeit an Stränden und Baggerseen regiert, hat die Bademode kein Erpressungspotenzial mehr. Der Bikini ist ein Klassiker, den man dennoch feiern darf. Die Show Bikinis over Berlin , veranstaltet vom Schweizer Untergrundlabel Panti Christ, bietet nicht nur eine Badebekleidungsshow, bei der geeignete Kandidatinnen aus dem Publikum spontan mitwirken dürfen, sondern auch passende Stripteaseeinlagen. Natürlich gibt es einen Bikini-Markt und für die Musik wird Dink Winkerton von Vodoo Rhythm Records sorgen (5. August, 21 Uhr) . Und mit der Bar 24 am Spreeufer (Holzmarktstr. 24) ist der passende Ort gefunden, denn die Strandbar mit Saloon in direkter Nachbarschaft zum Wild West Strand Markt gilt als das neue Bikini-Atoll Berlins – als Zone der Verstrahlten.

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