Kultur : Im Land der Täter

Olivier Guez erzählt die Geschichte des jüdischen Lebens in Deutschland nach 1945

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Der Schriftsteller Ralph Giordano spricht inzwischen sehr offen darüber, warum er nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aus Deutschland weggegangen ist: „Mir wurde klar, wie sehr ich trotz der Leiden und des Verrats, denen wir ausgesetzt waren, mit meiner Stadt, Hamburg, verbunden war und auch mit dem Deutschen, dieser wundervollen Sprache – sie aufzugeben, wäre ein weiteres und schreckliches Opfer gewesen, eine Sprache, ohne die ich nicht leben könnte, zumal ich entschieden hatte, zu schreiben.“ Der Historiker Arno Lustiger hatte ein Visum für die USA bekommen, seine Mutter und seine zwei kranken Schwestern aber nicht; deshalb blieb er in Deutschland. Und die 1929 im polnischen Lodz geborene Lola Waks, Tochter eines jüdischen Geschäftsmannes, die den Holocaust im Ghetto von Lodz überlebte, wollte ihrem Mann zur Seite stehen, der im letzten, bis 1957 existierenden Lager für sogenannte Displaced Persons arbeitete, im Lager Föhrenwald.

Das sind nur drei Beispiele dafür, warum es 1945 und die Jahre danach Juden gegeben hat, die aus unterschiedlichsten Gründen in Deutschland, „dem Land der Mörder“ geblieben oder zurückgekehrt sind. Der französische Journalist Olivier Guez, 1974 in Straßburg geboren, hat sie oder ihre Nachfahren für sein Buch „Heimkehr der Unerwünschten“ getroffen und interviewt: die Schriftsteller und Journalisten Maxim Biller, Henryk M. Broder oder Micha Brumlik, den Politiker Daniel Cohn-Bendit, die Leiterin des jüdischen Museums in Berlin, Cilly Kugelmann, die Schriftsteller Barbara Honigmann, Imre Kertész und viele mehr.

Sie alle haben Guez einen Teil ihrer Lebensgeschichte erzählt – und sie alle sprechen darüber, was für ein Verhältnis sie zu Deutschland haben; wie es ist, in einem Land zu leben, das in einer noch gar nicht so fernen Vergangenheit für den Tod ihrer Eltern, Geschwister oder Großeltern verantwortlich ist.

Die Gespräche mit den Zeitzeugen und ihren Nachkommen machen den einen Teil von Olivier Guez’ „Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“ aus. Guez strukturiert mit ihnen die Kapitel des Buches, seine Besuche sorgen für atmosphärischen Einstiege, und er kommt in seiner zumeist chronologischen Erzählung über das jüdische Leben in Deutschland nach 1945, über das Verhältnis der Bundesrepublik, der DDR und des wiedervereinigten Deutschland zu Israel und den Juden, stets auf die Aussagen seiner Interviewpartner zurück.

In großen Zügen aber erzählt sein Buch überhaupt die Geschichte Deutschlands nach dem Krieg. Viele Phasen dieser Zeit sind geprägt von dem Umgang mit dem Holocaust. Das beginnt mit dem Schweigen und der Scham der Tätergeneration, mit ihrer Unfähigkeit zu trauern. Das setzt sich fort mit dem Luxemburger Abkommen 1953, das Entschädigungszahlungen an die Juden und an Israel vorsah (die sich bis heute auf circa 80 Milliarden Dollar belaufen), oder mit dem Auschwitzprozess 1963 und 1964 in Frankfurt, aber auch mit der Wiedereingliederung vieler alter Nazis in der Bundesrepublik und genauso in der DDR in ihre einstigen Positionen im Berufsalltag. Guez erzählt von der 68er-Bewegung, dem zwiespältigen Verhältnis der Linken zu Israel, er erzählt von dem großen Erfolg der US-Fernsehserie „Holocaust“ Ende der siebziger Jahre in Deutschland und er streift die Walser-Debatten (Paulskirchenrede, „Tod eines Kritikers“) Ende der neunziger, Anfang der nuller Jahre.

Nicht immer ist sein Buch dabei besonders tiefgründig. Es hat in solchen Passagen mehr was von einem historischen Schnelldurchgang, da sind die Martin-Walser-Debatten, der Historiker-Streit oder der gesamte 68er-Komplex doch ausführlicher, analytischer und auch intellektueller allein in den deutschen Feuilletons behandelt wurden.

Dann aber schlägt „Heimkehr der Unerwünschten“ immer wieder informative, bei Weitem nicht so bekannte Kapitel des jüdischen Lebens in Deutschland auf. Zum Beispiel, wenn es um den Umgang und die Kehrtwendungen der DDR mit den verbliebenen Juden geht. Oder wenn Guez vom Anwachsen der jüdischen Gemeinde in Deutschland nach der Wende berichtet, ermöglicht durch die Aufnahme vieler Juden aus den aus der UdSSR hervorgegangenen Staaten und Russland. Über 100 000 Juden leben seit den neunziger Jahren wieder in Deutschland, lediglich 10 000 wären es ohne den Zuzug aus Osteuropa gewesen – und doch gibt es dadurch neue Probleme, wie Guez durch Gespräche und Recherchen in den jüdischen Gemeinden herausgefunden hat. Müssen sich die Neuankömmlinge doch mit dem Vorurteil herumschlagen, nur aus ökonomischen Gründen gekommen zu sein und kein Interesse mehr an jüdischen Traditionen zu haben.

Ganz zu schweigen von dem Problem, dass es im Deutschland des 21. Jahrhunderts weiterhin nicht einfach ist, mit einem jüdischen Hintergrund zu leben. In einem Deutschland, das zu entsprechenden Anlässen (Fußball-WM, Lena, Papstwerdung) wieder sehr gern und sehr losgelassen seine schwarz-rot-goldenen Flaggen schwenkt; und in dem so mancher sehr gern auch wieder etwas lauter einfordert, von dem ganzen „Vergangenheitsgedöns“ nichts mehr hören zu wollen.

Olivier Guez arbeitet diese Ambivalenz, diese atmosphärischen Störungen fein heraus; eine Ambivalenz, die es letztendlich seit 1945 gibt. Und er scheut sich nicht, sich selbst einzubringen, eigene Kommentare abzugeben, dem Deutschland der Gegenwart mit Skepsis zu begegnen. Denn es mag kaum noch Zeitzeugen geben, und die Erinnerungskultur in Deutschland mag vorbildlich sein: Die Schatten der Vergangenheit liegen weiterhin auf dem deutsch-jüdischen Zusammenleben. Eine nonchalante Rückkehr gewissermaßen zur Tagesordnung kann es nicht geben. Auch davon erzählt dieses Buch, dessen Originaltitel übrigens treffender ist als der der deutschen Ausgabe: „L’ impossible retour“.

Olivier Guez

Heimkehr der

Unerwünschten. Aus dem Französischen von Helmut Reuter.

Piper Verlag,

München 2011.

416 Seiten, 22,95 €.

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