Kultur : Im Land der tausend Tänze

Keiner konnte schöner schreien: zum Tod des Soul-Sängers Wilson Pickett

Christian Schröder

Es war irgendwann Anfang der sechziger Jahre, als in Amerika die Erwachsenen ihre Kinder nicht mehr verstanden. Wie die plötzlich aussahen! Welche Musik die hörten! Und wie sie dazu tanzten! Tom Wolfe wurde damals vom „Herald Tribune Magazine“ in die Peppermint Lounge, einen Club am New Yorker Times Square, geschickt, um sich das Problem aus der Nähe anzuschauen. „Niemand tanzt mehr Twist“, stellte er fest. „Sie tanzen jetzt den Monkey, bei dem man die Arme schüttelt, als ob man die Gitterstäbe eines Käfigs heraufklettern würde. Oder den T-Bird, bei dem man komplizierte Bewegungen mit der Hand auszuführen hat, so als würde man eine Haustür öffnen, hineingehen und dann einen Cocktail mixen.“ Andere Modetänze, die dem Autoren an diesem Abend auffielen: der Hully Gully, der Slop, der Dog, der Waddle und der Mashed Potatoes.

Irre Zeiten müssen das gewesen sein. Wilson Pickett hat sie in „Land of 1000 Dances“ besungen: „One, two, three / Do you know how to bony / Like bony maronie / Can you mash potatoe / And do the alligator?“ Es ist ein von spitzen Bläsern angetriebener Hochgeschwindigkeitssong, eine Trimm-dich-Übung für den Tanzboden, die in euphorischen „Yeah! Yeah! Yeah!“-Ausrufen endet. Unter den Shoutern, die der nordamerikanische Soul hervorgebracht hat, war Pickett einer der lautesten. Sein Gesang grenzte tatsächlich mitunter an Geschrei, seiner Musik waren die Härten anzuhören, aus denen heraus sie geboren worden war. Ihm mochte die stimmliche Geschmeidigkeit eines Sam Cooke und das kompositorische Genie eines Ray Charles fehlen, aber das machte Pickett mit umso größerer Aggressivität wett. Er selber nannte sich „Wicked Pickett“, schlimmer Pickett. Zu seinen Bewunderern zählten die Rolling Stones, die seine Ballade „If You Need Me“ schon 1964 coverten.

Wilson Picketts Kindheit war kein Zuckerschlecken. Als jüngstes von elf Kindern in Alabama geboren, wurde er von seiner Mutter – „die schlechteste Frau, die in meinem Leben vorkam“ – mit Bratpfannen und Holzlatten verprügelt. 1955, mit 14 Jahren, lief der Sohn ihr davon und fand Unterschlupf beim Vater in Detroit. Er sang in einer Gospel-Formation und stieg bei den Falcons ein, einem lokal bereits berühmten Gesangsquintett. Nachdem den Falcons 1962 mit „I Found A Love“ ein landesweiter Hit geglückt war, schien die Zeit für eine Solokarriere reif zu sein.

Detroit war die Stadt der Automobilkonzerne und die Stadt des Motown-Labels, ihre musikalische Galionsfigur war John Lee Hooker, ein Boogie-Bluesman, der mit den Füßen stampfte. „Das Gros der Schwarzen, die sich die ganze Woche über in heißen, schmutzigen Fabriken abplackten, war kein hippes Szenevolk, sondern Leute, die einen Beat wollten, auf den sich der Trübsinn wegtanzen ließ, und Texte, in denen es um die grundlegenden Dinge des Lebens ging“, schreibt der Musikhistoriker Nelson George. Pickett wandelte sich vom Gospelsänger zum Soulman und lieferte Songs, zu denen es sich tanzen ließ. Doch statt in der Hitfabrik von Motown unterzukommen, unterschrieb Pickett einen Vertrag bei Atlantic Records in New York. Die Charts-Erfolge produzierte er trotzdem wie am Fließband: „Mustang Sally“, „Everybody Needs Somebody To Love“, „Funky Broadway“, „Stagger Lee“. Seinen größten Hit nahm er 1965 mit den Musikern von Booker T. and the M.G.s im Stax Studio von Memphis auf: „In The Midnight Hour“, ein raffiniertes Midtempo-Stück, das den üblichen Beat-Afterbeat-Rhythmus auf den Kopf stellte.

Pickett schaffte es zum Weltstar, aber als Mitte der siebziger Jahre die Erfolge ausblieben, geriet er ins Straucheln. Man warf ihm vor, ein „schwarzer Tom Jones“ geworden zu sein, und das war damals kein Kompliment. Der Sänger prügelte sich mit Managern, brach Tourneen ab. Als Motown 1987 eine neue Version von „In The Midnight Hour“ herausbrachte, brachte sie es nur noch auf Platz 72 in den englischen Charts. Doch 1991 wurde Pickett in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen, der Film „The Commitments“ huldigte ihm. Sein letztes Album, 1999 veröffentlicht, hieß „It’s Harder Now“. Jetzt ist Wilson Pickett mit 64 Jahren in einem Krankenhaus in Virginia an einem Herzinfarkt gestorben.

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