Kultur : Im Land des Lotti

JÖRG KÖNIGSDORF

Lieb ist er schon, der Helmut Lotti, wie er da auf der großen ICC-Bühne steht."Oooh, ist das aber groß hier!" Smart und sauber im eng taillierten Schwalbenschwanz, ein Traum von einem Schwiegersohn - und dabei so bescheiden, wie er artig seinen Diener macht und den älteren Rollstuhlfahrerinnen die Hände küßt."Sie sind alle viel zu lieb zu mir." Der belgische Sänger ist binnen kürzester Zeit zum Star avanciert, zum König der Herzen.Seine treue Gefolgschaft hat das ICC bis an den Rand gefüllt und sich schon vor Konzertbeginn mit Devotionalien eingedeckt.Fest halten die Fans ihre dick gefüllten Tüten mit Lotti-Sekt, Lotti-Schmusekissen und Lotti-Wecker ans Herz gedrückt, während sich Lotti live dank Mischpultallgewalt phonstark in ihre Ohren schmeichelt.Der 28jährige ist kein klassischer Tenor - "Ich will nur diese schönen Melodien singen!" haucht er ins Mikro.Und dreht dennoch mächtig auf, hält seine Spitzentöne, als wolle er damit ins Guinness-Buch.Mitzuteilen hat der ehemalige Elvis-Imitator - ein Halbschock Hüftschwünge bringen über den Abend verteilt dieses Karrierestadium in Erinnerung - dabei nur wenig.Da gerät die Melodienreise um den Erdball gleichbleibend solide und konstant steril.Mit welch huldvollem Stimmlächeln hatte nicht einst Margot Eskens den Evergreen "Tiritomba" geadelt - und war das "Havah Nagilah" der Ofarims nicht einst räucherstäbchengeschwängerte Botschaft eines befreiend erdverbundenen Lebens? Nichts von alledem bei Lotti, dem ewig Netten klingt alles gleich.Von Lebenserfahrung teilen weder die Stimme noch ihr Besitzer etwas mit - aber so ein Schwiegersohn wäre wohl auch zu gefährlich.

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