Kultur : Im Laufschritt

Ein „Marathon“-Stück im Maxim Gorki Theater

Sandra Luzina

15 Minuten 47 Sekunden zeigt die Digitaluhr, als das erste Nasenbluten auftritt. Bei 18.46 kommt es zum ersten Muskelriss – und bald darauf noch schlimmer! Denn „Marathon 2 Stunden, 4 Minuten, 55 Sekunden“ nennt Joachim Meyerhoff sein Sportstück, mit dem er das Maxim Gorki Theater in ein Trainingscamp verwandelt. Als Meyerhoff dafür zu recherchieren begann, fing er selbst zu laufen an. Der zwischen Wien und Berlin pendelnde Schauspieler und Regisseur hat bei seiner ersten Teilnahme am Berlin- Marathon eine respektable Zeit erlaufen. Auf der Bühne strebt er nun Bestzeit an. Der Titel seines von olympischer Glut befeuerten Abends verdankt sich dem Weltrekord in der 42,195-Kilometer-Disziplin. Auf 2 Stunden, 4 Minuten, 55 Sekunden ist auch die Spieldauer des Durchhalte-Dramas bemessen, das mit der Stoppuhr inszeniert wird und auf High- Tech-Laufschuhen in die Grenzbereiche menschlicher Leistungsfähigkeit dringt.

Vier Laufbänder auf der Bühne bestimmen das Tempo des Abends. Sechs Männer und drei Frauen müssen abwechselnd rauf aufs Band. Die Schauspieler werden zu Schauläufern, erfahren sie doch am eigenen Leib, worauf es bei der Königsdisziplin ankommt: Durchhalten! Meyerhoffs Athleten sind mehr oder minder endorphinbefeuerte Vertreter einer Gesellschaft von Fitness- und Schlankheitssüchtigen. Den blutigen Anfänger, der auszieht, das Fürchten zu lernen, gibt Thomas Müller mit ulkigem Watschelschritt. Auf der Überholspur naht schon ein iron man (mit fantastischem Laufstil: Felix Rech), ein Überflieger, der von einem unbedingten Siegeswillen getrieben ist und sich in kenianische Höhen fantasiert. Bettina Hoppe als toughe Businesslady, die vor ihren Ängsten davonläuft, und Anya Fischer als fresssüchtige auf dem Horror-Diät-Trip gelingen kabarettreife Auftritte.

„Freuet euch! Wir siegen!“ Mit diesen Worten kündigte der legendäre Läufer den Athenern den Sieg über die Perser an, um danach tot darniederzusinken. Der moderne Marathon-Mann hat keine Botschaft mehr zu überbringen. Er will in eher unheroischen Zeiten seine eigene Heldengeschichte inszenieren. Wir sind Helden: Bei Meyerhoff aber erfährt man lauter Leidensgeschichten. Der lange Lauf zu sich selbst wird hier zum Dauer-Talk. Den langatmigen Monologen, die die psychischen und physischen Konstitutionen der Laufsüchtigen enthüllen sollen, geht öfters die Puste aus. Trotzdem: eine erschöpfende Kritik am grassierenden Leistungswahn.

Wieder 17. und 27. April

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