Kultur : Im leeren Käfig

Mehdi Chouakri eröffnet seine neuen Galerieräume mit Mercier und Bowers

Michaela Nolte

Der Steinweg führt vorbei an einem Vogelkäfig und einem wie beiläufig angehängten Lasso, vis-à-vis wächst ein gelber Säulenkaktus. Doch wer Westernidylle vermutet, ist auf einer falschen Fährte. Das Seil formt eine weiße Neonröhre. Der Kaktus erinnert an handelsübliche Garderobenständer. Der Weg besteht aus schwarzen Marmorplatten.

Mathieu Merciers sublimes Spiel um Natur und Natürlichkeit, um Kunst und Künstlichkeit bildet einen Part der Eröffnungsschau, mit der Mehdi Chouakri seine neuen Galerieräume in den Edison-Höfen einweiht. Der Raumkomposition des Franzosen steht eine Installation der US-Amerikanerin Andrea Bowers gegenüber – ein markanter Kontrast, den Chouakri in den Folgeausstellungen zum Programm erheben will.

Mathieu Merciers bizarre Landschaften eröffnen weitläufige Assoziationsfelder, die die Signets von Natur und Kultur sowie diejenigen der Kunst sinnfällig deklinieren (Preise zwischen 5000 und 20 000 Euro). Mercier geht es nicht um eindeutige Zuordnungen, sondern um vielschichtige und differenzierte Erfahrungen der Wahrnehmung. Aus dem leeren Käfig scheinen die Fallen von Andreas Slominski zu grüßen; gleichzeitig erinnert das Drahtgeflecht an den Stuhl-Klassiker von Harry Bertoia und an Formspiele dreidimensionaler Computer-Grafiken.

Folgt man Merciers Pfaden in den zweiten Raum, so streift auch Andrea Bowers das Thema Landschaft. Eine Art Distelgewächs aus Draht und Papier hängt an der Wand, dessen floraler Reiz in schwarze Düsternis getaucht ist. Ein kleiner Button, der sich zwischen dem toten Blattwerk verbirgt, verleiht dem Objekt aus der Serie „Political Slogans and Flower Magick“ seinen Titel: „Your Whole Fucking Culture Alienates Me“ (8000 Euro). Mit ebendiesem kraftmeiernden Motto hat die 1965 geborene Künstlerin die gesamte Installation bedacht, zu der noch ein großformatiger Leuchtkasten mit einem 70er-Jahre-Plakat sowie das Zitat eines weiblichen Bronze-Torsos von Robert Graham gehören (das Unikat inklusive Bronze kostet 25 000 Dollar, der Leuchtkasten als 4er-Auflage 17 000 Dollar). Das Plakat zeigt eine Reihe von Pissoirs vor denen eine attraktive Frau – in betont männlicher Pose – zwischen zwei urinierenden Männern steht. An der Wand des männlichen Refugiums prangen feministische Klosprüche.

Das Ganze mag mit guten Absichten auch heute noch aktuelle Klischees hinterfragen, trotzdem wirkt Bowers Konfrontation von feministischem Selbstbewusstsein und männlichem Blick auf das Weibliche recht vordergründig. Schließlich entpuppt sie sich in der Aneignung kultureller Referenzen wie dem Plakat oder auch der Graham-Skulptur selbst als Teil der Kultur, die Bowers dem Betrachter und dem Betriebsystem Kunst als befremdend entgegenschleudern möchte.

Galerie Mehdi Chouakri, Edison Höfe, Invalidenstraße 117 (Eingang Schlegelstraße 26), bis 6. Mai; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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