Kultur : Im Licht des Südens

Wiederentdeckung: Der Berliner Secessionist Hans Purrmann in Tübingen

Thomas Senne

„Porta mi i colori.“ Als Hans Purrmann am 17. April 1966 im Basler Kantonsspital an einer Lungenentzündung stirbt, waren dies seine letzten Worte. „Bring mir die Farben.“ Und in der Tat: Farben haben ihn zeitlebens fasziniert. Ein wenig mag der Beruf seines Vaters eine Rolle gespielt haben, der in Speyer, in der Kleinen Greifengasse 14, einen Malereibetrieb leitete. In dem Anwesen, in dem sich heute das Purrmann-Museum befindet, kam der Künstler 1880 zur Welt: ein unscheinbares, mehrstöckiges Gebäude, dessen ehemalige „gute Stube“ im ersten Stock immer noch mit Jugendstilstuckaturen versehen ist. Schon als kleiner Junge half er in der väterlichen Werkstatt mit, die sich im Erdgeschoss befand, und malte Schützenscheiben aus. Selbst später verdiente er sich noch etwas hinzu, indem er Bürgerhäuser mit Wandgemälden von Hasen oder Enten schmückte.

Reminiszenzen an Purrmanns Heimatstadt sind jetzt auch in der Ausstellung der Tübinger Kunsthalle zu finden, die aus Anlass seines 40. Todestages über 80 Gemälde und 40 Aquarelle zeigt und die im Herbst auch nach Berlin kommen wird. So ist beispielsweise die „Alte Schiffsbrücke in Speyer“ (1904) zu sehen, die der Maler in impressionistischer Manier auf den hölzernen Untergrund aufgetragen hat: eine Uferpromenade im Sommerlicht, eingefasst vom Blattgrün einiger Alleebäume. Auf manchen der frühen Arbeiten – wie auf seinem Werk „Im Schlachthaus“ – herrscht allerdings noch eine dunkeltonige Palette vor. Das Gemälde entsteht 1902, als er an der Münchner Kunstakademie studiert und vom Malerfürsten Franz von Stuck protegiert wird. Beim „Park von Svinar“ (1903) mit seinen flimmernden Sonnenflecken hingegen ist bereits das Tasten nach neuen Ausdrucksformen spürbar. Auch der Einfluss von Max Liebermann. Auf dessen Empfehlung hin wird er wenig später in die Berliner Secession aufgenommen.

Freilich: Die entscheidende Zäsur im Schaffen von Hans Purrmann kommt 1905, als er im Pariser Künstlertreff „Café du Dôme“ Cézanne und die „Fauves“ kennen lernt. Vor allem Henri Matisse hat es ihm angetan. Schnell freunden sich die beiden an und reisen miteinander. In der Malschule seines Freundes ist Purrmann für die Ordnung im Atelier und die Auswahl der Modelle verantwortlich. Unter dem Einfluss der Franzosen löst er sich vom deutschen Impressionismus. Zunehmend wird seine Palette farbenfroher, ohne Scheu vor starken Kontrasten. Aus dem Eröffnungsjahr der „Académie Matisse“ stammt ein stehender weiblicher Atelierakt, den große Flächen in Lila, Rot und Grün rahmen.

Daneben ist Purrmann besonders an zwei Sujets interessiert: an Landschaften und Stillleben. Die beiden Werkgruppen werden im großen Saal der Kunsthalle einander gegenübergestellt. Als Sammler orientalischer Teppiche und erlesener Textilien drapiert er auf seinen Stillleben häufig Krüge, Schalen, Kacheln, Früchte und besonders leuchtende Blumen vor ornamentalen Stoffen, etwa in seinem Werk „Anemonen und Farn in Barockvase“ (1954). Gerne setzt der Künstler dabei Komplementärkontraste ein, wie auf seinen von Farben gesättigten Landschaftsbildern, die Eindrücke von Reisen an die Mittelmeerküste wiedergeben und in zahllosen Variationen Wolken, Wasser, Häuser und eine üppig wuchernde Natur zeigen. Sie belegen Purrmanns Vorliebe für Sonne und Wärme.

Damit ist es allerdings vorbei, als er während eines Deutschlandsbesuchs jäh vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht wird. Er verliert sein Pariser Atelier und muss seine Kunstsammlung zurücklassen: Arbeiten von Renoir, Cézanne, Seurat, Picasso, Rousseau und Matisse. Zumindest der Kriegseinsatz bleibt Purrmann erspart, da er wegen einer seltenen Nervenerkrankung ausgemustert wird. Nun versucht er dem rauen deutschen Klima neue Facetten abzugewinnen, was sich auch in Aquarellen ablesen lässt, denen eine eigene Abteilung gewidmet ist. In Berlin besitzt er in den folgenden Jahren wechselnde Wohnsitze und Ateliers, malt von erhöhter Sicht aus das Lützowufer (1928) oder „Schnee in Berlin Grunewald“ (1916), taucht schneebedeckte Häuser und Gärten in nuancierte Blau- und Violetttöne, Farben, die er im Licht des Südens schätzen gelernt hat.

Dem Simplicissimus-Zeichner Thomas Theodor Heine ermöglicht Purrmann kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung die Flucht in die Tschechoslowakei, indem er einen Pass fälscht. Bald darauf kann er in Florenz die Verwaltung der Deutschen Künstlerstiftung „Villa Romana“ übernehmen, wird dort aber 1938, als Hitler Mussolini in Italien besucht, für einige Tage in Schutzhaft genommen. Als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt, waren zuvor schon Purrmanns Arbeiten in Deutschland aus den Museen entfernt worden.

1944 muss er in die Schweiz fliehen und kommt in Montagnola in der Villa Camuzzi unter, in der zuvor schon Hermann Hesse wohnte. Der Autor widmet ihm ein Gedicht, aus dem der Ausstellungstitel stammt. Darin lobt er das „Kräftespiel der Farben“, die „Harmonie“ und das „Gleichgewicht“ seiner Kunst. Purrmann war kein ästhetischer Neuerer, aber ein hinreißender Kolorist. Ein Künstler, der gefällig, jedoch nicht geschmäcklerisch malte – fasziniert von der Natur, dem Licht, den Farben des Südens.

Kunsthalle Tübingen, bis 23. April; Katalog 24,80 €, im Buchhandel 34,50 €

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