• Im März aus dem Kosovo vertrieben, in Brandenburg untergekommen - Gedanken vor der Reise nach Hause

Kultur : Im März aus dem Kosovo vertrieben, in Brandenburg untergekommen - Gedanken vor der Reise nach Hause

Migjen Kelmendi

Schiffe haben mich immer fasziniert. Schiffe tragen die Souveränität ihres Staates mit sich, sie sind ein beweglicher Teil dieses Staates, und wer sie anrührt, der vergreift sich an ihm, der führt Krieg mit diesem Staat. Nicht aber der, der nur einen Menschen anrührt, nein. Ein Matrose, der in einem Café am Hafen ermordet wird, versetzt seinen Staat nicht in den Kriegszustand. Alarm wird nur ausgelöst, wenn du den Matrosen auf seinem Schiff umbringst. Ich weiß, juristische Probleme, Zuständigkeiten und so weiter und so fort; ich will nur sagen: Wenn der Mensch ebenso die Souveränität mit sich herumtrüge wie ein Schiff, wenn also und letztendlich ein Mensch auch so extraterritorial wäre, so ein biologisches Territorium wäre, so dass, vergriffe sich jemand ihm, dies bei jedermann Alarm auslöste - das wäre doch eine wunderbare Vorstellung.

In der Geschichte des Menschen muss etwas ganz Übles und absolut Verkehrtes vorgefallen sein, dass er so weit gekommen ist, nun ein Schiff beneiden zu müssen!

Niemand kommt heute wohl dieser wunderbaren Vorstellung näher als die USA. Vielleicht deshalb, - wie der amerikanische Philosoph Richard Rorty meint - weil noch niemand seine Macht so entschieden angewandt hat wie die USA, sind die USA nun auch nachdenklicher und empfindlicher als irgend jemand sonst, wenn es um den Missbrauch von Macht geht, um Ungerechtigkeit und besonders gegenüber diesem Paradox von Mensch und Schiff. Das zeigt sich jetzt in sonderbarer und entstellter Form im Falle Kosovas: Die USA waren zu großem materiellem Aufwand bereit, Schiffe, Flugzeuge wollten sie opfern - aber nicht Menschen, keine Soldaten. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, heißt es aber auch, wurde hier im Namen des Menschen und seiner Rechte Krieg geführt; der kosovarische Krieg war tatsächlich nichts anderes als die spektakuläre Propagierung dieses Grundsatzes: dass letzten Endes ein Soldat, ein Mensch mehr wert ist als ein Schiff, und auch mehr wert als ein Flugzeug.

Jetzt indessen, da alles vorüber ist, sehen wir Kosova auch aus einem Blickwinkel, den es vorher nicht gab: dem der offenen Massengräber. Und aus diesem Winkel sieht die Welt anders aus. Dieser Krieg hat tatsächlich gezeigt, dass der Mensch mehr wert ist als ein Schiff oder ein Flugzeug, aber dieser schöne Gedanke hat dort sein Ende gefunden, wo auch die amerikanische Souveränität endet und der amerikanische Mensch, dort, wo auch Europa endet: das als Festung verstandene Europa. Dass alles Schöne, was über diesen Krieg gesagt wurde, nur für andere gilt, und nicht auch für die Albaner.

Am Mittwoch, dem 31. März, glaubte ich mein letztes Stündchen gekommen. Die serbische Spezialpolizei trieb uns 3000 Bürger zusammen, alle Einwohner meines Stadtviertels in Prishtina, Haus um Haus, und hetzte uns dann los, niemand wußte, wohin. Unter dem Gebrüll der Polizisten - "brzhe, brzhe" (schneller, schneller) - liefen wir eine halbe Stunde und kamen schließlich zu einem kleinen Bahnhof am Rande Prishtinas, wo schon vielleicht 30 000 Bürger versammelt waren.

Ich fragte, worauf wir warteten. "Auf den Zug!" sagten sie. Erst da begriff ich diese wahnwitzige Idee: Sie deportierten eine ganze Stadt! Um drei Uhr nachmittags fand ich mich da inmitten einer ganzen Stadt, die auf den Zug wartete, um deportiert zu werden. Ich hatte das Gefühl, der unglücklichste und vergessenste Mensch auf der Welt zu sein. Nicht ich allein freilich. So gegen 11 Uhr aber hörten wir, irgendwo in der mondhellen Nacht, das Brummen der Nato-Flugzeuge. Mit einem Mal war die ganze Stadt, die da auf dem kleinen Bahnhof versammelt war, auf den Beinen und klatschte und rief: "Nato! Nato! Nato!" Das war die Hoffnung, das Brummen der Flugzeuge zeigte uns: Wir sind nicht vergessen, die Welt denkt an uns. Doch da hallten rings um unseren öden Platz Salven der automatischen Gewehre der serbischen Polizei. Sofort schwieg alles. Meine Stadt hockte sich hin und verkroch sich vor der Kälte der Nacht und des Schicksals. Die Nato blieb oben, ganz hoch oben. Ich und meine Stadt blieben unten, ganz unten. Ausgeliefert der bewaffneten serbischen Polizei und der gnadenlosen Nacht. Dort, an diesem Ort, auf diesem kleinen Bahnhof irgendwo am Rande Prishtinas, wo sich die Tragödie der Deportation einer ganzen Stadt abspielte, an diesem Abend starben nur zwei alte Leute. Sie starben an der Furcht und am Schock, im Glauben an die Vorbestimmtheit des Lebens und an den Jüngsten Tag. Doch eben dort, am gleichen Abend, hörte ich dreimal den Ruf nach einem Frauenarzt, der zu einer Schwangeren eilen soll, und später das Jammern der Neugeborenen, die im schwersten Augenblick der Geschichte dieser Stadt auf diese Welt gekommen waren.

Während ich mich in der Kälte zusammenkauerte und versuchte, soviel als möglich von der Wärme aufzufangen, welche der Körper meiner Stadt noch abgab, bedachte ich, dass dies der Grundsatz gewesen sein muss, der sie stets am Leben erhalten hat: mehr gebären als sterben. Das ist sogar immer ein beliebtes Thema unserer Dichter gewesen. Ich wußte natürlich auch, dass nichts phantastischer als das Leben ist, als die Realität. Heute, nach allem, was geschehen ist, bin ich überzeugt: Ohne den Beschluss der 19 westlichen Demokratien und der Nato, in Kosova zu handeln, wären wir Kosova-Albaner die Chasaren (Die Chasaren waren ein jüdisches Volk vermutlich türkischer Sprache, das vom 7.-11. Jahrhundert die Ukraine und Südrußland beherrschte und nach dem 12. Jahrhundert nicht mehr erwähnt wird. Anm. d. Red.) dieses Jahrhunderts geworden. Es hat mich immer interessiert, wie ein ganzes Volk vernichtet werden konnte. Wie Milosevic alle Dokumente vernichtet und verhindert hat, dass auch nur eine Fotografie des Verbrechens aus Kosova herauskam, das zeigt seine kriminelle Genialität. Das, was er von Anfang an wußte, das begriff ich erst, als ich mich in Deutschland wiederfand. Ich begriff, dass Opfer zu sein nicht genügt. Du musst deine Opferstellung auch nachweisen. Fakten musst du haben. Fotos der Brücken, welche die Nato zerstört hat, und derer, welche die Serben zerstört haben. Heute, nach dieser ganzen Tragödie, glaube ich zu wissen, was mit den Chasaren geschehen ist. Sie sind nicht untergegangen, sie sind unter uns, aber unter anderen, unter vergessenen Namen.

Es gibt keine Zeugnisse, keine Beweise, keine Fotos von ihnen. Wir Kosovaren hatten da mehr Glück. Auch wir hatten keine sichtbaren Beweise des Verbrechens - außer dieser unseligen Zahl von rund einer Million Deportierten. Doch der Kampf dauerte nicht so lange, dass die Serben die Zeit gehabt hätten, ihre Spuren zu verwischen. Überall in Kosova untersuchen die Gerichtsmediziner heute die Massengräber und decken die völkermörderische Dimension des Verbrechens auf. Die erste Tatsache, welche sich aus der Entdeckung dieser Gräber ergab, war: Während die Nato Brücken aus Zement und Stahl bombardierte, beschossen die serbischen Panzer und die serbische Artillerie Brücken aus Fleisch und Blut. Was fragwürdig schien, solange nur die Lebenden sprachen, unterliegt heute keinem Zweifel mehr, da nun die Toten reden.

Aus dem Blickwinkel eines Massengrabs sieht man unglücklicherweise aber nicht nur das serbische Verbrechen in Kosova, sondern auch die andere Seite der Medaille dieses Kampfes, der auf so spektakuläre Weise zum Krieg für die Menschenrechte erklärt worden ist. Wahr ist: Auf der einen Seite dieser Kriegsmedaille steht zum ersten Male, dass die menschliche Existenz wichtiger ist als der Staat und seine Souveränität. Dass die Menschenrechte über der Souveränität stehen. Denn der Staat ist, wie Vaclav Havel gesagt hat, eine Schöpfung des Menschen, der Mensch aber ist ein Geschöpf Gottes. Und eben deshalb ist, so wie man einem Autofahrer den Führerschein, die licence to drive abnehmen kann, den Serben die licence to kill, der Mordschein entzogen worden, weil sie in Kosova auf entsetzliche Weise die Menschenrechte eines Volkes verletzt haben. Indessen finden sich leider auf der anderen Seite der Medaille immer noch die gleiche Methode und der gleiche Grundsatz, die sich dort immer fanden. Es steht dort immer noch: Der Zweck heiligt die Mittel. Im Namen der schönen und humanen Idee der Menschenrechte wurden - Menschen geopfert! Bis heute jedenfalls haben wir noch keinen Ersatz für den Menschen gefunden, der geopfert werden muss, um die "Idee des Menschen" zu entwickeln und weiterzubringen. Und nicht nur das. Auch in diesem Krieg, der für die Menschenrechte geführt wurde, hat die Unwilligkeit der Alliierten, ihre Soldaten zu opfern, gezeigt, dass man die Vorstellung noch nicht aufgegeben hat, dass einige Menschen wichtiger sind als einige andere.

Aber wie dem auch sei, es ist doch eine gute Nachricht, dass irgendwo auf der Welt, außerhalb Kosovas, der Mensch schließlich wichtiger ist als der Staat, dass der Mensch dort souverän ist. Das hält in mir die Hoffnung aufrecht, dass dieser Grundsatz vielleicht eines Tages auch in meine Stadt, Prishtina, in dies mein vergessenes Makondo, kommen wird, so wie dieser Tage Coca Cola nach Prishtina gekommen ist. So wie die Nato gekommen ist.

Unterdessen bleibt es dabei, dass im Namen einer schönen Idee der Menschlichkeit wir, wie gewohnt, Menschen begraben und beklagen, die für diese Idee geopfert wurden - Geschöpfe Gottes!Der Autor, Schriftsteller und Journalist aus Prishtina im Kosovo, verbrachte die vergangenen Monate als Stipendiat im Wiepersdorfer Schloss. Heute reist er zurück in seine Stadt.

Übersetzung des Textes aus dem Albanischen von Frank Muenzel

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