Kultur : Im Maß liegt die Kraft

Der Autor Peter Seewald[lebt als Journalist i],47[lebt als Journalist i]

Man schrieb das Jahr 1702. Der Regent der Bayern spazierte in seinem Garten herum, Soldaten trieben es mit Weibern vom Markt, und als in jenen Tagen die erste Zeitung Münchens erschien, trug sie den Titel: "Nutz und Lust erweckende Gesellschaft der vertrauten Nachbarn vom Isarstrom." Der Aufmacher des Blattes jedoch war weniger der Lust als dem Leid gewidmet. Es ging um die ärgerliche Erscheinung, dass man dem guten Volke im "Chur-Bayerischen Vatterland" andernorts mit allerhand "Tadelhaftigkeiten" nur immer seine "völlige Boßheit" zu beweisen suchte.

Die Reibereien unter Verwandten gehören, wie man sieht, zum gehegten Volksgut der Deutschen. Manchmal sind sie gemein, manchmal aber auch nur nett gemeint. Seit Edmund Stoiber die Kanzlerschaft anstrebt, ist es freilich vorbei mit der fidelen Note.

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der Bajuwarisierung. Und gemeint ist damit der Rückfall in die Barbarei. Die Hamburger "Zeit" nennt das größte deutsche Bundesland neuerdings ein "Reservat", rückständig, borniert und rechtsradikal. In Prozessionen denkt man sich den Bayern über Land ziehend. In Prozessionen sogar hinauf, mit Gamsbart und Wadlstrumpf, in die gläserne Reichstagskuppel, weil die Urviecher des 21. Jahrhunderts die Würde eines deutschen Parlamentsgebäudes nicht von der Erotik eines Sudelfeldes unterscheiden können. Wer genauer hinsehe, entdecke "verkommene Provinz": "In der Mitte hui und am Rande pfui".

Reservat der Rechten?

Niemand hat nach einem "Modell Niedersachsen" oder einer Niedersachsisierung der Republik gefragt. Vielleicht war das ein Fehler. Über den Mann aus Bayern jedoch darf der verdutzte Bundesbürger aus dem "Spiegel" erfahren, dass er Deutschland "nur vom Fernsehen" kenne. Zuhause, im "Nationalpark Bayern", habe er "diese Kontrollwut". Stoiber müsse stets "kontrollieren, alles, jeden". Wer ihm nicht passe, den habe er "im rechten Moment rasch und kaltblütig erledigt. Seitdem herrscht wieder Friedhofsruhe."

Was ist so anders an den Bayern? Warum reibt man sich so gern an diesem Stamm? Aus einem Komplex heraus? Aus Lust an der Häme? Wir da oben - ihr da unten. Blitzt da womöglich gar eine rassistisch motivierte Arroganz auf? Ein Apartheid-Denken gegenüber den Schwarzen von der Isar, die man aus der Lederhose nicht herauslassen will? Inzwischen werden in den groben Gesängen auch Töne angestimmt, die bislang als verfemt galten. Einen "Hang zu nationaler Unverantwortlichkeit" nämlich glaubt die "Zeit" ausgemacht zu haben. Der Ministerpräsident dieses "Hinterwaldes", findet der "Spiegel", müsste als Kanzler ja nicht nur "Politik noch einmal neu lernen". Zu wenig deutschnational? Achtung: "Stoiber ist Bayer. Und das heißt mehr, als wenn man sagt: Schröder ist Niedersachse." Denn erst müsse so einer, so ein "Stoiber, der Bayer, zu Stoiber, dem Deutschen werden. Kein kleiner Schritt."

Vieles an der neuen Bavarophobie erinnert an die Tiraden der englischen Boulevardpresse vor Fußballspielen mit starken Mannschaften von auswärts. Der blinde Beißreflex geht inzwischen jedoch auch Menschen auf den Geist, die keine CSU-Fans sind. In der Beobachtung unbekannten Terrains schauen die einen, wie gehabt, mit dem Ofenrohr ins Gebirge, andere steigen in die Verließe der journalistischen Inquisition, um in verstaubten Akten abzuschreiben, was schon immer falsch war. Die Analysen haben dann einen ähnlichen Wert wie weiland Erich Honeckers bestellte Ergebnisse für das ZK der SED. Wirklich bemitleidenswert allerdings sind die Korrespondenten vor Ort. Sie verzweifeln allmählich daran, mit ausgeleiertem Material scharfe Munition drehen zu müssen.

Einer gehässigen Definition zufolge ist der Bayer ein Mensch, der daran Spaß hat, Fremden den falschen Weg zum Hofbräuhaus zu zeigen. Immerhin, die Bayern sind nicht ganz schuldlos an den Ressentiments. Sie stellen sich gerne dümmer als sie sind, um daraus Vorteile oder zumindest ein Amüsement zu schöpfen. Dass sie in der Bundesliga der Länder so gut aufgestellt sind, muss jedoch kein Rätsel bleiben. Zwei Gründe vorneweg. Zum einen: Bayern gibt seinen Menschen ein Zuhause. Das klingt noch immer reichlich altmodisch. Scheinbar überlebte Tugenden jedoch, die andernorts leichtfertig aufgegeben wurden, erweisen sich nun, in den Umbruchzeiten der Moderne, nicht nur als besonders integrativ und motivierend. Sie beugen auch hysterischen Verirrungen vor und dem modischen Hang, Gefährdungen der Gesellschaft gegenüber blind zu sein. Zum anderen: Land und Leute umgibt seit jeher eine ganz besondere Sphäre. So etwas hat man, oder man hat es nicht. Wie Capri seine Sonne und New Orleans seinen Spirit. Und noch die rotzigsten Landeskinder, Leute wie Polt und Hube, die in Kabaretts völlig zurecht Gift und Gülle gegen die Amigos und den Ausverkauf des Originalen spucken, verzehren sich insgeheim in der Liebe zum Genius ihrer Heimat.

In der Tat, Bayern ist, auch wenn das bröckelt, ein Kernland. Kernig und ganzheitlich in seiner Kultur, die ansehnlich Essen, Trinken, Tracht und Kult auftischt. In seinem ungebrochen Verhältnis zu tradierten Werten und Überzeugungen des Glaubens, die nicht unbedingt reaktionär sein müssen. Im Ausland trägt das Bild der Germans ohnehin bayerische Züge, weil deutsche Identität ansonsten schwierig darstellbar ist, jedenfalls nicht positiv. Schon wahr, es gibt keine Großmachtträume in Bayern. "Lieber bayerisch sterben, als in des Kaisers Unfug verderben", skandierten die Bauern aus dem Oberland in der "Sendlinger Mordweihnacht" von 1705. In Bayern sahen selbst Könige nie aus wie Feldherren, sondern wie Künstler und Traumtänzer. Hitlers Partei wurde in München gegründet (aber der Führer zog weiter, vom Friedensengel zur Siegesgöttin). Und dass es im Freistaat jede Menge Bazis gab und gibt, braune Verbrecher und falsche Fuchziger, hat bereits Lion Feuchtwanger hinlänglich beschrieben. Man muss andererseits nicht bis auf Ludwig den Bayern zurückgreifen, um an einen Kaiser oder Kanzler zu erinnern, der von hier stammt. Es gab einen anderen Ludwig, vormals Bayerischer Minister für Handel und Gewerbe, der so viel Aufschwung brachte, dass ihm als Chef einer Bundesregierung der Titel "Vater des Wirtschaftswunders" haften blieb.

Es ist noch nicht sehr lange her, als West- und Norddeutsche in langen Karawanen winkend das Alpenland durchquerten, um in Rimini ins Wasser zu springen - während die bayerischen Vettern derweil grimmig Mist auf ihre Wiesen streuten. Nun, der Mist hat offenbar gedüngt. Der Freistaat ist längst nicht mehr der Lump vom Lande, der nichtsnutzige Verwandte, und wer heute noch darüber lacht, dass hier die Verhältnisse ein wenig stabiler, die Gesellschaft ein wenig ausgeglichener, die Menschen ein wenig zufriedenen sind, hat womöglich die Erfordernisse der Zeit noch immer nicht verstanden. Es ist kein Zug der Lemminge, der nun so unaufhaltsam die Leute Richtung Bayern führt. Die Abstimmung mit den Füßen hat guten Grund:

Denkfehler Nr. 1: Bayern ist klein. Richtig ist: Bayern ist nicht nur mit Abstand das größte aller Bundesländer, es hat, nach dem endgültigen Aus der Nachkriegsordnung, auch aufgrund seiner überragenden Bevölkerungszahl und seiner wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Potenz in jeder Hinsicht einen natürlichen Anspruch auf eine Führungsrolle.

Im Herzen Europas

Denkfehler Nr. 2: Bayern liegt am Rande. Richtig ist: Bayern ist das Herzstück Europas, die geografische Mitte zwischen Stockholm und Sizilien, Brest und Budapest. Seine Mittigkeit, ausgependelt mit dem (und der) richtigen "Maß", gehört nachgerade zur Grundachse seiner Bestimmung. Sie ist kein folkloristisches Gedudel, sondern - neben Lebensstil, Landschaft und Klima - ein handfester Standortfaktor für die Ansiedlung von Unternehmen und Fachkräften.

Denkfehler Nr. 3: Bayern ist rückständig. Richtig ist: Bayern trat als zivilisiertes Territorium nicht verspätet, sondern besonders früh in die Geschichte ein. Während der germanische Norden noch im prähistorischen Dunkel lag, bauten schnurrbärtige Kelten im Alpenland an einer Hochkultur, die gewaltige Metropolen und handwerkliche Spitzentechnologie hervorbrachte. Eine gemischte Gesellschaft aus Baiern, Böhmen, römischen Legionären, napoleonischen Troupiers, italienischen Saisonarbeitern und zuletzt 2,4 Millionen Sudetendeutschen durchlebte gewaltige Modernisierungsschübe. Ob durch Graf Montgelas, der im 19. Jahrhundert die modernste Staatsverwaltung Europas schuf, oder durch die amerikanische Besatzung nach dem 2. Weltkrieg. Die Bayern wurden dabei, was sie heute in vielerlei Hinsicht sind: die Amerikaner Deutschlands.

Wesensverwandt ist in erster Linie der Mut zum Pragmatischen. Man eiert nicht lange herum, sondern reagiert mit Soforthilfe auf Probleme, die gelöst werden sollten. Zum anderen der ausgeprägte Sinn für Zeremonie, Dekoration und menschliche Wärme, der sich in dem generationenübergreifenden Zusammensein auf unzähligen Festen manifestiert. Und nicht zuletzt die unverkrampfte Liebe zu Brauchtum, Gott und Heimat, die eine wichtige sinnstiftende Wirkung hat. Völlig normal dann, dass Lifeberichte über Fronleichnamsumzüge eine TV-Quote von 23 Prozent erreichen (wobei die Verantwortlichen für das Bayernprogramm stets von auswärts kamen, weil die Konvertiten die Eigentümlichkeiten des Originals ganz gut zu schätzen wissen). Und vermutlich ist es genau diese Mischung aus Tradition und Modernität, die Bayern im Ranking der attraktivsten Wirtschafsstandorte in Europa einen der vordersten Plätze beschert.

Denkfehler Nr. 4: Bayern ist hartherzig und dumpf. Richtig ist: Der bayerische Himmel ist nicht schwarz-weiß, sondern weiß-blau. Die Uhren gehen hierzulande auch nicht wirklich anders, sondern man bleibt, aufgrund der zeitlichen Abweichung, nur länger wach. Kennzeichnen Maß und Mitte die Achse des Landes, so stehen Herz und Liebe für seine Lebenslinien. Von der metropolen "Weltstadt mit Herz" bis zum ländlichen "Herz Bayerns", lokalisiert an einem Wallfahrtsort, dem wunderbaren Altötting. Im Prinzip sind Bayern nämlich, auch wenn sie es zu verbergen suchen, tief-sinnig und weit-herzig, mit kindlicher Freude und großen Gefühlen. Richtig ist auch, dass Bayern nur deshalb weniger reden, weil sie dadurch mehr Zeit zum Grübeln haben. Vielleicht ist Bayern keine Denkfabrik, aber eine Denkfarm ist es ganz bestimmt. Ein faszinierendes Biotop, das seit Jahrhunderten national und international nicht nur kluge Köpfe anzieht, sondern auch Urgewächse und lautstarke Querdenker sprießen lässt wie Champignons auf gedüngten Wiesen. Wer Bairisch dabei als eine dem Hochdeutschen gleichwertige Sprache begreift, kann darin eine differenzierte Form des Ausdrucks und das Grundelement für die sprichwörtlich gemächliche Lebensart erkennen. Und wer mit offenen Augen über Land fährt, entdeckt nicht nur in Barock- und Rokokobauten, sondern auch in Wiesen und Wäldern eine Hochkultur, die nicht von ungefähr als Terra benedictina bezeichnet wird. Gleichsam kultiviert (von den Mönchen Benedikts) wie gesegnet, von der Gnade und vom Namen her.

Denkfehler Nr. 5: Bayern ist gleich CSU. Richtig ist: In Bayern sind die politischen Verhältnisse robust, und zwar unabhängig davon, wie sich das regierende konservative Lager gerade nennt; ob "Bayerische Patrioten" (wie früher); ob "Bayerische Volkspartei" (von den Nazis verboten); oder ob CSU (der Maßanzug für Leute, die partout ihre eigenen Kleider tragen wollen). Sicher, die Christsozialen sind eine Kampforganisation, ideologisch fixiert aber sind sie nicht. Vermutlich ist der Mehrzahl ihrer Mitglieder gänzlich unbekannt, dass es so etwas wie ein Parteiprogramm überhaupt gibt. Als echte Volkspartei, eher vergleichbar mit einem Verein wie die Feuerwehr, kämpft sie nicht für irgendwelche Fern-, sondern ausschließlich für Nahziele, am besten vor Ort, und gar sehr häufig für die falschen Spezl der Familie. Die parlamentarische Opposition ist dabei auf ein Maß zurechtgestutzt, das man gerade noch für gesund erachtet. Paradoxerweise zeigt sich deshalb die Bevölkerung bei allen Umfragen mit ihrer Arbeit nicht weniger zufrieden als mit jener der Regierung.

Zusammenfassend: In Bayern vereinigen sich die Vorteile einer großartigen Landschaft mit einer Art des Lebens, die eher das Verbindende, das Sowohl-als-auch, anstatt das harte Entweder-oder kennzeichnet. Besserwisserei und gestelzte Intelligenz ist den Leuten zuwider. Das allzu Forsche mag man nicht. Dagegen steht der Seelenfriede, der auch darin besteht, Fünf gerade sein zu lassen. Die Bindung an das Einfache, das Kleine, das normal-menschliche Maß. Der Sinn für Schönheit wie für Exzentrik. Der Hang zu Spiel und Theatralik - und eine gewaltige Portion Unverstand, der nicht danach fragt, ob etwas wichtig und pflichtig ist, sondern es manchmal einfach nur wieder krachen lassen will. Der Mensch bedarf der Demut und Buße, aber er darf halt auch aufmüpfig sein. Da ist es dann kein Widerspruch, wenn neben der Wallfahrtskirche gleich ein Biergarten liegt. Und es ist auch kein Zufall, dass die Münchner Frauentürme im Zentrum der Stadt bis heute von keinem der anderswo so babylonischen Wolkenkratzer überragt werden. Maß und Mitte eben.

Mag man darüber spotten, in Bayern hängt - im Prinzip - der Herrgott noch im Winkel. Und die Sehnsucht nach dem Heiligen, dem Bund mit dem Herrn aller Ringe, ist das Eigentliche, das Grundgeheimnis des Landes. An den Außenmauern der Münchener Residenz ist das sehr klug dargestellt. Da kann unten der bayerische Löwe noch so brüllen. Seinen Glanz erhält der Kraftprotz letztlich durch die Patrona Bavariae, die weit über allem thront, beleuchtet durch eine ganz besondere Quelle. Man nennt es das Ewige Licht.

Feinheiten im Wirtshaus

Freilich, auf den ersten Blick ist das nicht immer leicht zu sehen. Neulich zum Beispiel, im Weißen Bräuhaus im Tal. Am "Vatikanstammtisch" sitzen die, die immer hier sitzen. Frau Filser, die Kellnerin, schleppt Bier heran, und wie es dann so kommt, erzählt man sich alte Geschichten. Etwa die vom Kaltenegger Heini, ein Original aus der Münchener Trogerstraße, wo sie selbst unter den Nazis alle Kommunisten waren. Der Heini kann trinken wie ein Stier, meint die Filserin, und wenn er gut gelaunt ist, dann stimmt er seinen Refrain an: Heimaterde, Vaterland.

Der eilige Besucher nimmt den Lärm der großen Schwemme wahr, den Geruch von deftigem Essen, die aufgeregte Neugierde der Touristen. Die wesensbestimmenden Feinheiten aber sieht er nicht. Weder den Dichter Achternbusch, der da ein wenig hinkend sein Lokal verlässt. Noch den Feuilletonredakteur der "Süddeutschen Zeitung", der sich von einem hohen Beamten aus dem Kultusministerium Anregungen für einen Artikel holt, den er dann unter der Überschrift "Jenseits der Gemütlichkeit" in seinem Blatt veröffentlichen wird. Und selbst den Heini nimmt er nur als einen etwas zahnlos gewordenen Mann wahr. Dass da in Wahrheit ein hochintelligenter, hochgebildeter Mensch sitzt, der 1945 von US-Präsident Truman als Sonderberichterstatter verpflichtet wurde, der in München die Deutsche Presse-Agentur mitbegründete, der als Reporter Landtagsverbot bekam und dennoch den Bayerischen Verdienstorden erhielt, ein echter bayerischer Patriot eben, der Deutschland liebt, wenn auch nicht, wie andere, als letzter Preuße - dies zu sehen, braucht es dann doch etwas mehr als nur die Lesebrille. Der selige Karl Valentin würde sagen: Verstehen hätten sie es schon wollen, aber hinschaun haben sie sich nicht getraut.

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