Kultur : Im Mittelpunkt

Zum Tod des Publizisten Heinz Ludwig Arnold

Uwe Kolbe
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Wenn er einlud, kamen alle. In dieses unscheinbare Haus in Göttingen. In die riesige Bibliothek mit Billardtisch. In Reichweite der Bordeaux-Vorräte. Zu dem niemals endenden Gespräch über Literatur, vor allem über diejenigen, die sie erzeugten, die an ihr teilnahmen wie Heinz Ludwig Arnold selbst. Da bekam jeder sein Fett weg, gerade die Anwesenden. Er war freundschaftlich schonungslos, die Liebe zur Literatur schloss Tabus aus. Er kannte jeden und wusste alles, so schien es, so war es. In Göttingen lag das Zentralnervensystem des Literaturbetriebs.

Als ich ihn in den Achtzigern kennenlernte, glaubte ich nicht, was dieser fröhliche Mann alles stemmte: Arnold war als Göttinger Student der Literaturwissenschaft, Romanistik und Philosophie einst Ernst Jüngers „Secretarius“. Parallel gründete er 1962 die Edition „Text + Kritik“, eine Quartalszeitschrift, deren Hefte je einem Schriftsteller gewidmet sind. Das erste Heft galt Günter Grass, das Konzept ist lebendig bis heute. Ein kurzer Blick ins Regal: Jurek Becker, Paul Celan, Peter Handke, Wolfgang Hilbig. Bei jedem Leser wird es ein eigenes Kompendium der deutschsprachigen Literatur aus anderen Heften geben. Alle sind sie wesentliche Referenz, enthalten Interviews, Originalbeiträge, Kritiken zum Werk des jeweiligen Autors.

Dabei war dies nur das erste von vielen Großprojekten, die Lutz Arnold auf den Weg brachte. Seit 1978 gab er das „Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur“ heraus. Eine Loseblatt-Sammlung zu Autoren, die per Nachsendung aktualisiert wird. Dazu gesellte sich ab 1983 das „Kritische Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur“. Die „Göttinger Sudelblätter“ im Wallstein Verlag sind ein weiteres seiner „Kinder“.

2009 erschien, unter kritischem Beschuss der Zeitungen, die dritte Auflage des „Kindler Literaturlexikons“, des gigantischen Nachschlagewerks zur Weltliteratur. Arnold hatte in fünf Jahren als Generalherausgeber mit insgesamt 1600 Mitarbeitern daran gearbeitet. Nicht denkbar ohne seine Frau Christiane Freudenstein-Arnold. Mit diesem gedruckten Werk war aber auch eine Grenze markiert: Wie der Brockhaus wird der Kindler keine Nachfolge mehr auf Papier finden. Die elektronischen Speicher werden zur Hauptreferenz für wissenschaftliche und Alltags-Kenntnisse.

Arnolds Arbeit markiert das Ende einer Ära. Die Fundgruben seiner Anthologien stehen zur Verfügung: die „Deutsche Literatur nach 1945“ oder „Gespräche mit Schriftstellern“. Gespräche – das war seine Form zu denken. Gelesen hatte er alles, die Fragen kamen aus anteilnehmender Fülle. „Kulturtechniken“ wie das genüssliche Ein- und Ausatmen des Rauchs und der Genuss eines guten Weins gehörten dazu. Mein schönster Moment war es, ihn als Veranstalter bei einem der Wolfenbütteler Colloquien zu erleben. Er eröffnete und beendete die Runde, in der Dichter und Dramatiker Texte zur Diskussion stellten, setzte die Regeln und sich still dazu. Beim Essen war er wieder Mittelpunkt der Gesellschaft. Am Montag hat Heinz Ludwig Arnold noch gearbeitet, am Dienstag früh ist er im Beisein seiner Frau und seiner Tochter im Alter von 71 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. Uwe Kolbe

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