Kultur : Im Mondschein

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über einen Mann,

der beim Kaffetrinken seine Frau verliert

In dieser Zeit des Lebkuchenfurors sind Lesungen letzte Refugien der Normalität. Während sich der Lebensmitteleinzelhandel schon seit Monaten die Gänge zwischen den Regalen mit Zuckerplunder verstellt, während die Straßen mit Tannengrün und Lichterketten herausgeputzt werden zum Bastard aus Disneyland und Friedhof, setzt die Abteilung Kultur, Sparte Wort, ihre Arbeit unerschütterlich fort. Wohlan!

Allenfalls manch resümierender Rückblick will zur besinnlichen Feierstimmung passen. Auf das eigene Werk wirft ihn im Literarischen Colloquium heute Abend F. C. Delius , der seine Vornamen der Preußenliebe des Vaters verdankt und sie lange Jahre abkürzte, waren doch in der Linken andere Heroen en vogue. Delius, ein schüchterner Zauderer mit dem Image eines 68er Heißsporns, hat wie kaum ein anderer die Geschichte der Bundesrepublik begleitet. Dabei fragen seine drei Bücher über die RAF („Ein Held der Inneren Sicherheit“, „Mogadischu Fensterplatz“, „Himmelfahrt eines Staatsfeindes“) ebenso wie jene über Fußball („Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“), Liebe („Amerikahaus und Der Tanz um die Frauen“) und Vereinigung , („Die Birnen von Ribbeck“, alle Rowohlt) stets nach den Auswirkungen der Politik auf das Individuum (20 Uhr).

Erst am Anfang seines Werkes steht Gregor Hens , geboren 1965. Hens lehrt in den USA Germanistik und hat in seinem ersten Roman „Himmelssturz“ (mare), ganz wie es sich für einen Professor gehört, Goethes Wahlverwandtschaften und Thomas Bernhards „Ja“ miteinander verschnitten. Das Ergebnis ist, wie es sich für einen Professor zumindest hierzulande weniger gehört, begeisternd: eine kühle, mit der Unausweichlichkeit des Schicksals voranschreitende Handlung voller Rätsel. In den knappen und präzisen Erzählungen von „Transfer Lounge“ (mare) erwies Hens dann seiner Wahlheimat die Reverenz, und am 11.12. wird er im Literarischen Colloquium (20 Uhr) aus seinem neuen Roman „Matta verlässt seine Kinder“ (S. Fischer) lesen. Weil der erst im Frühjahr erscheint, kann ich darüber nichts verraten.

Philologe und Erzähler war auch der Ungar Antal Szerb , den die Deutschen 1945 im KZ Balf umbrachten. In seinem Roman „Reise im Mondlicht“ heiratet Mihály die schöne Erzsi, um endlich die jugendlich-bohemischen Schwärmereien hinter sich zu lassen und mit dem Leben anzufangen. Doch auf der Hochzeitsreise durch Italien lässt er zunächst einmal die Ehefrau hinter sich: Der Zug mit ihr fährt ohne Aufsehen aus dem Bahnhof, während er an der Bar einen Kaffee trinkt. Mihály bemerkt den Verlust gelassen. Doch verliert er nach der Frau auch noch die Identität, und als die vorläufig wiederhergestellt ist, begegnen ihm die schwankenden Gestalten seiner Jugend. Mihály, dieser nahe Verwandter von Italo Svevos Zeno Cosini, ist ein Bürger des an sich zweifelnden Europas zwischen den Kriegen – und Szerbs Mondlicht-Odyssee die Wiederentdeckung des Jahres. Der Hungarologe Ernö Kulcsar-Szabó und die dtv-Lektorin Ulrike Ostermeyer stellen sie gemeinsam am 11.12. um 19 Uhr im Collegium Hungaricum (Karl-Liebknecht- Str. 9) vor.

Gernot Wolfram ist zu verdanken, dass diese Kolumne auch den Auftritt einer Frau ankündigt. Eva-Maria Hagen heißt sie und war die Lebensgefährtin von Wolf Biermann. Das war schon vor dessen Ausbürgerung aus der DDR 1976 nicht einfach und wurde es danach auch nicht. 1977 entzog ihr die DDR die Staatsbürgerschaft. Zwei Jahre vorher war Gernot Wolfram im sächischen Zittau geboren worden. „Der Fremdländer“ (DVA) heißt sein Erzählungsband, in dem sich Menschen plötzlich fremd werden und wie von außen wahrnehmen. Wolfram und Hagen lernten sich vor zwei Jahren bei der Arbeit an einem Theaterstück kennen, und am 13.12. um 20 Uhr treten sie gemeinsam zu einer „Konzertlesung“ im Literarischen Salon Britta Gansebohm vor das geneigte Publikum ( Podewil ), dessen Eintrittsgeld als Spende an integrative Projekte in Brandenburg geht.

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