Kultur : Im Multikulti-Kessel

Wie das Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße eine neue Ära einleitet und den Kiez nicht vergessen soll

Silke Laux

Es ist der kleine, unscheinbare Seiteneingang, über den die Premierengäste sich ihren Weg ins Ballhaus Naunynstraße suchen: Erst über die schmucke Wendeltreppe, die Galerie und den erneuten Abstieg ins Erdgeschoss gelangen sie zum Großen Saal. Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist die Kunst, mag sich Elke Moltrecht, neu berufene Leiterin des Kreuzberger Traditionshauses, zum Auftakt des „Interface-Festivals“ gedacht haben. Entlang der gewundenen Treppe ragt eine nahezu 20 Meter hohe Klangskulptur mit drei verkabelten Orgelpfeifen empor, die sich über mehrere Ebenen des Hauses erstreckt. Wer bislang meinte, die Musik der 17 Hippies zu kennen, wird hier eines Besseren belehrt – durch Lichtschranken vermischen sich beim Beschreiten der Stufen deren Songs zu einem interaktiven Klangteppich, in den sich der Besucher langsam hineinfinden muss. Die Installation am Eingang macht zwei Dinge klar: Das Haus wird künftig über alle drei Stockwerke hinweg, vom Kellercafé über die Gartenterrasse bis hin zum Dachboden, für unterschiedliche Kunstformen genutzt. Und: Die Musik bildet den Ausgangspunkt für alle weiteren Künste.

Elke Moltrecht hat Anfang April die künstlerische Leitung im Ballhaus Naunynstraße von Volker Bartz übernommen, der nach 22 Jahren in Altersteilzeit ging. Es überrascht kaum, dass Moltrecht als Musikwissenschaftlerin, Produzentin und langjährige Musikkuratorin im früheren Podewil die Musik in den Mittelpunkt stellt. Erst recht nicht angesichts der Tatsache, dass der Ballsaal eine hervorragende Akustik hat – trocken und doch tragend. Für Sprechtheater hingegen ist der Raum weniger geeignet. Dennoch betont Elke Moltrecht, dass die Musik stets Synergien mit anderen Künsten eingehen wird.

Wenn die 44-Jährige über ihre neuen Aufgaben spricht, liegt eine große Ernsthaftigkeit in ihren Augen. Es ist dieselbe Ernsthaftigkeit, die sie auch von ihren Künstlern und Kooperationspartnern erwartet. Diese sollen sich auf das denkmalgeschützte Haus einlassen und ihre Konzepte auf die räumlichen Gegebenheiten abstimmen. Das Ballhaus Naunynstraße diente in den letzten zwanzig Jahren eher als Gastspielort für unterschiedliche Programme. Nun soll das Haus selbst Initiative ergreifen und seine Leiterin hofft, musikalischen Richtungen, die für gewöhnlich an Festivals gebunden sind, ganzjährig eine Bühne zu bieten.

Gerade zwischen dem neoklassizistischen Ballsaal und zeitgenössischer Kunst ergibt sich eine reizvolle Spannung. Dies zeigt das Eröffnungskonzert durch Felix Kubin, der in einer One-Man-Show mit futuristischen Elektronikklängen experimentiert, während das Scheinwerferlicht auf den nachgeahmten Wandsäulen flattert.

Wie die weiteren Projekte des Hauses aussehen, ist auch eine Geldfrage. Der kommunalen Einrichtung stehen jährlich lediglich 40 000 Euro durch das Kulturamt Friedrichshain-Kreuzberg zur Verfügung. Die meisten Projekte werden über Drittmittel finanziert. Außer Elke Moltrecht – neben dem Beruf noch Mutter zweier Töchter – gibt es nur einen fest angestellten Techniker. Drei ABM-Kräfte und Praktikanten unterstützen die beiden. „Man fängt an, vom Stuhl über das Kabel bis zum Nagel alles selbst zu machen“, erzählt Moltrecht. Während sie im Podewil lediglich für künstlerische Projekte verantwortlich war, obliegen ihr im Ballhaus Naunynstraße die Geschäftsführung, die Aufsicht über alle Baumaßnahmen und die Suche nach Sponsoren. Kooperationen wie mit dem Wasserspeicher Prenzlauer Berg im Fall des Interface-Festivals helfen, die Betriebskosten niedrig zu halten. Die Zusammenarbeit mit wesensverwandten Kultureinrichtungen wie dem Club Transmediale, dem Radialsystem oder dem Education-Programm der Philharmonie ist bereits eingeleitet.

Elke Moltrecht sieht in den beschränkten Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, auch die Chance für eine eigene Handschrift. Wenn es nach ihr ginge, sollte das Haus bezirksübergreifend, ja sogar international an Kontur gewinnen und Fördermittel des Bundes bekommen. Aber inwieweit Elke Moltrecht dazu kommt, ihre Pläne zu verwirklichen, hängt nicht allein von ihrem Budget ab, denn das Ballhaus Naunynstraße ist auch Zankapfel der Kulturpolitik. Parteiübergreifend setzt sich zwar eine breite Mehrheit dafür ein, das Haus in kommunaler Hand zu belassen, aber über das Profil ist man sich uneinig.

Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer von der PDS suchte für die Stelle der künstlerischen Leitung eigentlich eine Person mit Migrationshintergrund. Um der sozialen Struktur des Kiezes gerecht zu werden, sollte das Ballhaus vor allem als Ort der interkulturellen Begegnung und als Spielstätte für junge Künstler nichtdeutscher Herkunft dienen. Moltrecht, die sich in dem langen Bewerbungsverfahren durchsetzte, hält dem entgegen, dass Kreative unabhängig von ihrem Hintergrund vor allem als Künstler wahrgenommen werden wollen.

Dennoch ist ihr bewusst, wie eng das Ballhaus Naunynstraße an den Kiez gebunden ist. Als Mitglied im Quartiersrat steht sie deshalb in regem Dialog mit dem „Stadtteilmanagement Mariannenplatz“ und dem benachbarten Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum „Naunynritze“. Moltrecht verweist allerdings darauf, dass „eine angemessene finanzielle Basis da sein muss, damit die Kultur soziale Verantwortung übernehmen kann“. Immerhin sind die Klangwerkstatt und das türkische Theaterfestival des Diyalog e.V. in diesem Jahr bereits über Gelder aus dem Bezirkskulturfonds gesichert. Beides Projekte, die seit vielen Jahren in dem Haus, das einmal für gesellige Veranstaltungen gebaut worden war, eine Heimat finden.

Wenn Elke Moltrecht in ihrem lichten Büro in der Naunynstraße sitzt, vor dessen hohen Fenstern die Blätter der Bäume im Wind hin- und herschaukeln, ist ihr klar, dass sie sich auf Gegenwind gefasst machen muss. Es werde immer Skeptiker geben.

Vielleicht hängt ihre und die Zukunft des Hauses mehr von der künftigen kulturpolitischen Ausrichtung des Kiezes ab als von der Qualität ihrer Arbeit. Im Frühjahr 2008 wird Bilanz gezogen. Und in Kreuzberg geht es bis dahin auch um die Frage, ob die Kultur verstärkt soziale Aufgaben wahrnimmt oder ästhetische Qualität den Vorrang erhält.

Interface, bis 7. Oktober, Ballhaus Naunynstraße (Kreuzberg) und im Wasserspeicher (Belforter Str., Prenzlauer Berg), Informationen: www.interface-festival.de

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