Kultur : Im Namen des Besonderen

NIKOLAUS BERNAU

Botschaftsbauten von Österreich und den Niederlanden in BerlinVON NIKOLAUS BERNAUDer Ausbau Berlins zur Hauptstadt mit allen nationalstaatlichen Architektur-Insignien des 19.Jahrhunderts wirkt an der Schwelle zum supranationalen Euro-Staat des 21.Jahrhunderts bisweilen anachronistisch.Wird man ein eigenes Außenministerium von solchen Dimensionen in wenigen Jahren noch benötigen? Folgerichtiger ist schon die Bauwelle nationaler Botschaften und bundesstaatlicher Vertretungen.Denn gerade, wenn die Zeichen auf administrative Vereinheitlichung stehen, ist das Zeigen des Besonderen notwendiger denn je.Zur Anschauung werden jetzt in der Berliner Galerie Aedes East die Botschaftsprojekte Österreichs und der Niederlande - gelungen, aber auch durchaus polemisch - miteinander konfrontiert.Zu sehen sind zwei gegensätzliche Möglichkeiten, das eigene Land mit einem Neubau in der Fremde zu vermitteln. Der Wiener Postmoderne Hans Hollein und das Rotterdamer "Office for Metropolitan Architekture" (OMA) des Architekturvisionärs Rem Koolhaas, die selbst jeweils als die prominentesten Architekten ihrer Heimat gelten dürfen, erlebten in Berlin neben wenigen Erfolgen bisher vor allem monumentale Zurückweisungen: Holleins Pläne für die Umgestaltung des Kulturforums scheiterten am vehementen Einspruch der Scharoun-Gemeinde, sein beschwingtes Geschäftshaus am Tauentzien fiel dem Widerstand der rasterverliebten Bauverwaltung zum Opfer.Rem Koolhaas mußte nach 1990 ansehen, wie sein Wohnhaus am einstigen Checkpoint Charlie durch den banalen Umbau des offenen Sockelgeschosses banalisiert wurde. Schon die Ortswahl für die Botschaften ist charakteristisch: Während Österreich sich in die Nähe des alten Botschaftsstandortes von vor 1938, in die Aura des alten Tiergartenviertels stellt, gehen die Niederlande aktuellere Wege: Die pragmatische Nähe zur Macht, zu den neuen Ministerien, aber auch zum alten, bürgerlichen Stadtkern Berlins ist wichtiger als die zur diplomatischen Tradition.Und so wird an der Spree in der Nähe der Neuen Münze und des Stadthauses gebaut werden.Während die Österreicher die gestalterische Freiheit des alten Villenviertels auch für den Neubau einfordern, damit aber auch die Wahl einer gewissen architekturtypologischen Konformität eingehen, müssen sich die Niederländer mit den Blockkantenbeschränkungen und Grünforderungen von Senat und Bezirk auseinandersetzen. Botschaften sind funktional gesehen Mischbauten, für Verwaltungs-, Wohn- und Repräsentationszwecke.Hollein trennt die drei Bestandteile, er entwickelte einen nüchternen Büroblock an der Stauffenbergstraße, einen intimeren Wohn- und Repräsentationsteil in der Tiefe des Grundstücks, die beide zusammengehalten werden durch einen dynamisch geschwungenen Foyer- und offizellen Repräsentationstrakt an der Tiergartenstraße.Symbolisch geschickt ist der Haupteingang zu den anderen Botschaften an der Straße und nicht zum Kulturforum gerichtet.Sein Schwung und die zart heruntergezogene Spitze des Daches erinnern unwillkürlich an die "Titanic" von unten, während das Innere mit ausholenden Sälen und steilem, vielfach gebrochenem Lichthof zum beliebten, aber durchaus von zeremonieller Würde geprägten Treffpunkt werden kann. Beides verspricht auch Rem Koolhaas, und doch wird das Publikum in der künftigen niederländischen Botschaft ein anderes sein, sich zumindest anders geben.Das Haus wird in einer Baulücke entstehen, ohne die Straßenkante einfach aufzufüllen: Durch einen breiten Schlitz soll sich der mächtige Kubus, in dem alle Funktionen übereinandergestapelt sind und der gekrönt wird vom Dachgarten des Botschafters, von der nächsten Brandwand absetzen.Der Schlitz ist zugleich eine Art Innenhof auf der Ebene des ersten Stocks.Unter ihm befindet sich, eng mit dem restlichen Gebäude verzahnt, die Garage, über ihm stößt auf der Höhe des vierten Geschoßes weit auskragend ein Sitzungssaal in die Luft. Hollein liefert ein Bild von Österreich, daß trotz der modernen Formen und der geradezu antistatischen Verfremdungen doch ein eher traditionelles ist: Wiener Schmäh über die langweiligen Berliner mit ihrer Kantenborniertheit, verkleidet mit etwas Dekadenz und Eleganz.Die Niederlande hingegen machen mit ihrem Botschaftsneubau, der radikal mit den Konventionen europäischer Repräsentationsarchitektur bricht, deutlich: Wir sind bereit für alles, was da neu auf uns zukommt, wollen den Umbruch gestalten, ohne in alte Muster zurückzufallen. Aedes East, Hackesche Höfe, Rosenthaler Str.40/41, bis 17.Mai.Kataloge je 20 DM.

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