Kultur : Im Netz der Systeme: Drei Hauptwerke aus dem Nachlass

Detlef Horster

Auf die Frage, was er mache, wenn er beim Schreiben eines Buches ins Stocken gerate, antwortete Niklas Luhmann einmal: "Andere Bücher schreiben." Arbeitet ein Soziologe so, dann wundert es keinen, dass man in seinem Nachlass fast fertige Bücher findet. Drei von ihnen, mit einem Gesamtumfang von 1300 Seiten, sind soeben erschienen.

Weil Niklas Luhmann sein Hauptwerk "Die Gesellschaft der Gesellschaft" noch zu seinen Lebzeiten publizieren wollte, hatte er die Arbeit an den drei postum erschienenen Werken zurückgestellt. Die 1997 erschienene "Gesellschaft der Gesellschaft" bildete den Schlusspunkt einer dreißigjährigen soziologischen Forschertätigkeit, deren Absicht er einmal selbst so formulierte: "Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine." Luhmann war ein genialer Beobachter, der sich mit kompromissloser Selbstdisziplin um eine möglichst präzise Beschreibung der modernen Gesellschaft bemühte. Die Spannweite seines Denkens war so komplex wie die Gesellschaft, die er mit seiner brillanten Begriffsschärfe dechiffrierte.

Für die Soziologie übernahm Luhmann einen Gedanken aus der Biologie, in der die Wissenschaftler von den kleinsten Einheiten allen Lebens in der Natur ausgehen. Das sind die Zellen. Biologen wollen sowohl die allen Zellen gemeinsamen Mechanismen verstehen, als auch deren Unterschiede. Die kleinsten Einheiten der Gesellschaft, die den Zellen vergleichbar sind, sind für Luhmann die Systeme. Die gegenwärtige Gesellschaft besteht für ihn aus gleichberechtigten, nebeneinander liegenden Systemen: Wirtschaftssystem, Rechtssystem, politisches System und viele mehr. Keines habe Vorrang oder stehe als Regulierungsinstanz an der Spitze der Gesellschaft, auch nicht das politische System. Alle sind geschlossene Systeme und grenzen sich strikt voneinander ab. Das müssen sie schon aus Gründen der Selbsterhaltung, damit andere Systeme nicht in die eigenen Operationen eingreifen können und ein System bis zum Verlust der eigenen Identität verändern. Umliegende Systeme können lediglich ein anderes System irritieren.

Luhmann hat in den vergangenen dreißig Jahren eine soziale Zelle nach der anderen untersucht. Zunächst schrieb er die Einleitung seiner Gesellschaftstheorie, die ihm - wie er selbst bemerkte - etwas zu lang geraten war. Es war das Buch "Soziale Systeme", das 1984 erschien. Dann folgten "Die Wirtschaft der Gesellschaft" (1988); "Die Wissenschaft der Gesellschaft" (1990); "Das Recht der Gesellschaft" (1993); "Die Kunst der Gesellschaft" (1995). Nun also "Die Politik der Gesellschaft" und "Die Religion der Gesellschaft", die nach dem ursprünglichen Publikationsplan noch vor der "Gesellschaft der Gesellschaft" hätten erscheinen sollen.

Im Schlusskapitel seiner Gesellschaftstheorie stellt Luhmann die berechtigte Frage, wie die selbstständigen Systeme miteinander verbunden sind und aufeinander reagieren, denn "würde man die moderne Gesellschaft lediglich als eine Menge von autonomen Funktionssystemen beschreiben, die einander keine Rücksicht schulden, wäre schwer zu verstehen, wieso diese Gesellschaft nicht binnen kurzem explodiert oder in sich zerfällt". Niklas Luhmann meint in "Politik der Gesellschaft", dass die Verbindung der Systeme untereinander über eine strukturelle Kopplung, über bestimmte Medien erfolgt.

Das Medium struktureller Kopplung zwischen dem politischen System und dem Rechtssystem ist die Verfassung. Das Bundesverfassungsgericht gibt der Politik beispielsweise auf, ein Gesetz zu ändern, weil es nicht verfassungskonform sei. Das geschah im Falle des Paragraphen 218. Das Medium Verfassung gibt aber keine Garantie für eine erfolgreiche strukturelle Kopplung, denn es kann etwas politisch geboten erscheinen, was rechtlich nicht erlaubt ist. Der Blick kann wandern. Er kann "vom politischen System auf das Recht oder vom Rechtssystem auf die Politik gerichtet werden". So kann die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe politisch geboten sein. Für das Rechtssystem könnte das aber ein Verstoß gegen Artikel 6 des Grundgesetzes sein.

Die strukturelle Kopplung klappt also nicht immer. Regierungsplanung ist lediglich ein Angebot für andere Systeme, die vorgeschlagene Variation ihres bisherigen Verhaltens wahrzunehmen und sich dadurch irritieren zu lassen. Die Irritation kann eine Selektion auslösen, die zur tatsächlichen Umstellung der eigenen Operationen führt und dann ein "Restabilisierungsproblem" aufwirft. Die Abfolge von Luhmanns politischer Evolutionstheorie ist demnach folgende: Die Politik bietet Reformen an, die vom Gesundheitssystem wahrgenommen werden. Das Gesundheitssystem lässt sich irritieren. Nun ist die Frage, ob es sich determinieren lässt. Ist das der Fall, variiert es seine eigenen Operationen, die mit anderen Operationen im System abgestimmt werden müssen. Das nennt Luhmann Restabilisierung. Systeme verbinden sich also zum Gesamtsystem Gesellschaft durch die verschiedenartigsten strukturellen Kopplungen. Die Frage ist jedes Mal, ob die Kopplung gelingt. Luhmanns lakonische Antwort lautet: "Entweder gelingt die strukturelle Kopplung oder sie gelingt nicht." Gelingt sie, dann entsteht etwas Neues. Gelingt sie nicht, ist das evolutionäre Potenzial aufgebraucht.

Luhmanns 1977 verstorbene Frau war sehr religiös. Darum widmete er sich mit Hingabe der soziologischen Analyse des Religionssystems. Noch im Todesjahr seiner Frau erschien das Buch "Funktion der Religion". Dort kommt er - wie in dem Buch "Die Religion der Gesellschaft" - zu folgendem Ergebnis: Wie in jedem anderen sozialen System ist auch in der Religion die Funktion auf den Erhalt der Gesamtgesellschaft bezogen. Es mag sein, dass die Religion für einzelne Menschen viele Funktionen erfüllt, zum Beispiel kann Religion Trost spenden, Ängste besänftigen, Sinnfragen plausibel beantworten, Gemeinschaft herstellen oder den Glauben bestätigen. Religion hat aber nur eine einzige Funktion in Bezug auf die Gesellschaft. Sie muss also der Doppelanforderung von Spezifizität und Universalität gerecht werden. Ihre universelle Funktion ist die Erlösung von der Gesellschaft. Und Luhmann konstatiert in seiner unnachahmlichen Lakonik, dass jede Gesellschaft verloren wäre, wenn es diese Funktion nicht mehr gäbe.

Wie fügt sich nun die dritte Publikation in das gesamte Werk Luhmanns, das ja nicht nur aus der bisher beschriebenen Gesellschaftstheorie besteht? Noch bevor Luhmann in Bielefeld seine Arbeit aufnahm, hatte er an einer Organisationstheorie gearbeitet, weil er sah, wie sehr die Gesellschaft von Verwaltungsorganisationen durchsetzt und beherrscht ist, es aber keine ihrer politischen Bedeutung entsprechende Beschäftigung mit ihnen gab. Sein erstes Buch hieß 1964 "Funktionen und Folgen formaler Organisation". In einem Gespräch sagte er einmal, dass sein Interesse an Organisationen nie aufgehört habe. "In den Organisationstheorien lag immer ein Überschuss, den man auch auf Nicht-Organisationen übertragen konnte." Aus diesem Überschuss entwickelte er seine aufschlussreiche Gesellschaftstheorie. Mit dem vorliegenden Buch "Organisation und Entscheidung" schließt sich der Kreis seiner Theorie-Entwicklung, denn nun wendet er die Ergebnisse der Systemtheorie, die er zunächst aus der Organisationstheorie gewonnen hatte, wiederum auf die Organisationstheorie an. Das führt Luhmann auf den ersten 100 Seiten aus. Wir können deshalb feststellen, dass wir hier seine "reife" Organisationstheorie vorliegen haben.

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