Kultur : Im Netz der Wäschespinne

Wie John M Armleder die „Postproduktion“ auf die Kunst übertragen hat

Friederike Nymphius

Koreanische kosmische Wäschespinnen werden durch aufflackernde farbige Glühlämpchen wie psychedelische Pop-Ufos bei der Landung beleuchtet. An der Wand der Berliner Galerie Mehdi Chouakri befestigte Spiegelscheiben werfen deren Reflexe als Feuerwerk zurück. Der vom Künstler großzügig als „Nothing“ bezeichnete visuelle Overload gehört hier zum festen Repertoire.

John M Armleder ist die Ikone der „Postproduktion“. Sie bezeichnet eine neue künstlerische Strategie, in der die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerks bedeutungslos geworden, und durch die nonchalante Reproduktion bekannter kultureller Standards und Referenzen abgelöst worden ist. Bei Armleder erhält dieses Thema überdies eine subtile Doppelbödigkeit, da gerade sein Werk von jungen Künstlern zwischen New York, Berlin und Seoul weiter bearbeitet wird.

Als Assimilation kultureller Parameter spielt die „Postproduktion“ vor allem in Asien eine Rolle, wo im wirtschaftlichen Aufwind befindliche Länder wie Korea versuchen, sich durch Aneignung an den Westen anzunähern. Gängige Praxis dabei ist, westliche Kultur als Zitat zu reproduzieren und sie an die Basis einer neuen hybriden Second-Hand-Kultur zu stellen. Vor diesem Hintergrund wird Armleders Werk zum Spiegel einer Kultur, die im Zuge einer sich rasant durchsetzenden Globalisierung dabei ist, Kenntnis und Verständnis ihrer Ursprünge zu verlieren. Kultur gerät dabei zu ihrer eigenen, sinnentleerten b-Version. Im Bewusstsein, selbst Teil dieser Entwicklung zu sein, profitiert Armleder von ihr für sein eigenes Werk.

Die Ursprünge dieser künstlerischer Arbeit liegen im Fluxus der Sechzigerjahre. 1969 gründete Armleder in Genf die „Groupe Ecart“, deren poetisch-anarchische Haltung von der Verweigerung gegenüber tradierten Normen und kollektivem Denken bestimmt war, weshalb Kunstwerke hauptsächlich im Rahmen der Gruppe entstanden. Nach mehreren Jahren, in denen er sich selbst mit der Herstellung von Kunst beschäftig hatte, kehrt er wieder zu diesen Wurzeln zurück.

Keine der Installationen in der Galerie Mehdi Chouakri stammt aus seiner Hand. Die für den Clubbereich konzipierten Leuchtmaterialien wurden in Seoul bei Spezialausstattern ausgesucht und nach Berlin gebracht. Mit eleganter Geste annulliert Armleder dabei wesentliche Setzungen der Kunstgeschichte wie Originalität oder Authentizität, die dem Kunstwerk den besonderen Status des Einzigartigen sichern sollten, und sabotiert die konventionellen Methoden der Kunstproduktion.

Nach mehr als 30 Jahren Auseinandersetzung mit den Spielweisen der Kunst geht es ihm nicht mehr um das vom Künstler geschaffene Kunstwerk, sondern darum, es aus dem Überfluss des globalen Warenangebots zu selektieren. Das Erfinden wird dabei zum Finden, das Armleder bei Mehdi Chouakri mit der für ihn typischen eleganten Ästhetik des Positiven umsetzt.

Galerie Mehdi Chouakri, Holzmarktstraße 15–18, S-Bahnbogen 47, bis 3. Dezember; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr. Werke von John M Armleder sind zurzeit auch im Rahmen einer Gruppenausstellung in der Galerie Anselm Dreher zu sehen.

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