Kultur : Im Orientexpress

Streit ums Weltkulturerbe Pergamonmuseum: Warum die Fenster zum Stadtbahnsaal gehören

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Vor den Fenstern. Die S-Bahn passiert den Nordflügel des Museums. Foto: Thilo Rückeis
Vor den Fenstern. Die S-Bahn passiert den Nordflügel des Museums. Foto: Thilo Rückeis

Wer mit den Augen blinzelt, könnte meinen, es ist die Bagdadbahn, die da alle paar Minuten am Nordflügel des Pergamonmuseums vorbeirumpelt. Für die Besucher der Ausstellung „Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf“ wird die Berliner S-Bahn zum legendären Orientexpress, gerade so wie zu Zeiten des Hobbyarchäologen Max von Oppenheim, der den Schatz in Blickweite der Eisenbahn ausgrub. Die schöne Ausstellungsdramaturgie lenkt die Aufmerksamkeit zugleich auf jene Fensternischen, um die jetzt so heftig gestritten wird. Sind sie es wirklich wert, dass für ihre Erhaltung ein neues Ausstellungskonzept ausgehebelt wird: die dauerhafte Aufstellung der M’schattaFassade vor exakt jenen Fenstern?

Für Besucher der „Tell Halaf“-Ausstellung muss die Antwort „Ja“ lauten. So charmant präsentiert sich der Saal zurzeit, mit einem einmaligen Blick nach draußen, wie es ihn in den anderen großen Antikensammlungen der Welt nicht gibt. Ein wichtiger Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes Museumsinsel wäre unwiederbringlich vernichtet.

Ausstellungsräume, die die Außenwelt abschirmen, gibt es zur Genüge. Die Präsentation von Kunst ist wechselnden Moden unterworfen, hier jedoch hat sich dank der besonderen Nachkriegsgeschichte die Originalsubstanz erhalten. Und: Der Stadtbahnsaal erzählt deutsche Museumsgeschichte, wurde hier doch gewissermaßen der White Cube erfunden. Ursprünglich sollte in den Nordflügel nämlich das „Deutsche Museum“ einziehen, mit romanischen und gotischen Gewölben, wie es damals üblich war. Zehn Jahre später, 1926, wurde jedoch das genaue Gegenteil realisiert. Eine weiße Flachdecke wurde eingezogen und zu den Fenstern hin entstanden die „Kapellen“ genannten Fensternischen. Die Umbaupläne der Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellen sie wieder zur Disposition.

Befürworter der neuen Lösung sagen zu Recht, dass auch ein Museum mit der Zeit gehen muss. Aber es ist zugleich ein Zeugnis der Kulturgeschichte. Hier gilt es abzuwägen, die Ablehnung des Landesdenkmalrates auch aus Respekt vor dem Welterbestatus kommt also im richtigen Moment (Tsp. vom 22.3.). Gleich nebenan, im Neuen Museum, hatte der Streit um David Chipperfields Entwürfe gezeigt, dass historische Bausubstanz keineswegs unantastbar ist, sondern es darauf ankommt, wie man das Original verändert.

Für die Museumsleute mag es eine bittere Pille sein, dass nach längst erteilten Genehmigungen alles wieder von vorne beginnen soll. Dabei geht es vorerst nur um die Platzierung der M’schatta-Fassade, die ja auch auf die den Fenstern gegenüberliegenden Seite wandern könnte – und dort sogar natürliches Licht erhielte. Dass die reich geschmückte Front des frühislamischen M’schatta-Kastells aus dem 8. Jahrhundert damit ins Abseits geriete, mag man kaum glauben. Ausstellungsarchitekten sind es gewohnt, raffinierte Lösungen zu ersinnen. Auch für das Wüstenschloss im Stadtbahnsaal fällt ihnen bestimmt etwas ein. Nicola Kuhn

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