Kultur : Im Ostwind

Auftakt zur Berliner Herbstsaison beim Auktionshaus Irene Lehr

Michaela Nolte

Angesichts des großen Erfolgs der Berliner Ausstellung „Kunst in der DDR“, könnte die Auktion bei Irene Lehr zum Testlauf werden, ob die museale Aufarbeitung der Neuen Nationalgalerie auch auf dem Kunstmarkt einen Widerhall findet. Seit der Gründung des Auktionshauses 1995 gehören Malerei und Grafik der Leipziger und Dresdner Schulen ebenso zum Schwerpunkt wie die Außenseiter Gerhard Altenbourg oder Otto Niemeyer-Holstein und der „Patriarch der Moderne“, Hermann Glöckner, von denen auch zur 17. Auktion Arbeiten aufgerufen werden (Taxen zwischen 150 und 8000 Euro).

Die „Leipziger Viererbande“ ist mit Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer vertreten, aber auch weniger prominente Namen stehen mit Hartwig Ebersbach oder Eberhard Göschel, Albert Wigand oder Willy Wolf auf dem Programm. Ein qualitativ starkes Feld stellt die Dresdner Klassische Moderne mit Joseph Hegenbarth, Bernhard Kretzschmars 1919 in eindringlichem Kolorit gestalteter „Ruhe auf der Flucht“ (15 000 Euro) sowie Carl Lohses leuchtender „Heuernte“ (8500 Euro) dar. Von Großmeister Otto Dix gibt es lediglich eine Bleistiftstudie und Grafiken (800 bis 7000 Euro), doch sein Einfluss auf Hans Jüchsers „Zirkusartistinnen“ ist unverkennbar. Ob die Genreszene aus der Halbwelt die stolze Erwartung von 25 000 Euro erfüllen wird, ist fragwürdig. Anders sollte sich die gleich taxierte „Beerdigung der Revolutionsopfer“ von Max Pechstein entwickeln. 1919 unter dem Eindruck der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gemalt, verdichtet das kleine Ölgemälde den Trauerzug sehr kraftvoll aber ohne jegliches Pathos zu einer hoffnungsvollen Demonstration.

Im Jahr zuvor hatte Pechstein die „Novembergruppe“ initiiert, zu deren Mitgliedern auch Moriz Melzer gehörte. Wenngleich Melzer in Vergessenheit geriet, beeindruckt seine 1912 auf Leinwand kaschierte Papierarbeit „Ausreiten“ (3000 Euro) durch die fauvistisch inspirierte Farbgebung und die eigenwillig verschlungenen Menschen- und Tierkörper. Nicht weniger faszinierend ist Max Ackermanns unbetiteltes Paar auf der Straße (9000 Euro) mit seinen vitalen und stimmungsvollen Grautönen. Eine kinetische Edelstahlskulptur von George Rickey, mit einer einzelnen vertikalen Linie auf 15 000 Euro geschätzt, ein Wandrelief aus Bernard Schultzes Welt der Migofs (8000 Euro) sowie Aquarelle von Hannah Höch (7000 Euro) und Rudolf Schlichter (12 000 Euro) runden das 555 Lose umfassende Angebot ab.

Versteigerung heute ab 13 Uhr im Berlin Excelsior Hotel, Hardenbergstraße 14.

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