Kultur : Im Pinsel schlägt der Rhythmus

NICOLA KUHN

Hann Trier, einer der bedeutendsten Maler der Nachkriegsmoderne in Deutschland, ist tot. Wie erst jetzt durch die Verfasserin seines Werkverzeichnisses bekannt wurde, starb der fast 84jährige Künstler bereits am 14. Juni in seinem Haus in der Toskana an Herzversagen. Die Phalanx der großen Maler westdeutscher Provenienz verliert damit einen ihrer wichtigsten Vertreter, der sich nicht nur mit transportabler Malerei, sondern auch Deckengemälden an prominenter Stelle einen Namen gemacht hat.

Den Anfang dieser besonderen Malerei machte 1974 der Knobelsdorff-Flügel des wiederaufgebauten Charlottenburger Schlosses, bei dem er den zarten, pastosen Stil Antoine Pesnes in moderne abstrakte Malerei zu übertragen vermochte, gefolgt von der Bibliothek des Philosophischen Seminars der Universität Heidelberg, der Halle des Kölner Rathauses und schließlich der Deutschen Botschaft im Vatikan. In den Deckengemälden gelang Trier beinahe in Dreidimensionalität zu übersetzen, was er sich auch für die Gemälde wünschte: eine schwebende, sphärische Leichtigkeit, wie er sie in der italienischen Freskenmalerei erlebt hatte. Berlin hat sich immer beglückwünscht, gerade Trier für diesen damals wohl wichtigsten Auftrag für Malerei im öffentlichen Raum gewonnen zu haben. Noch heute ist dieses in gewisser Hinsicht einzig authentische, weil gegenwartsbezogene Kunstwerk im Charlottenburger Schloß vielen einen eigenen Besuch wert.

Zu diesem Zeitpunkt war Trier längst eine Größe im Kunstbetrieb, zumal in Berlin, wo er im Jahre 1957 eine Professur angenommen hatte, die er bis 1980 innehielt. Er war der erste bedeutende Künstler gewesen, der statt aus dem verschlossenen Osten aus dem Westen nach Berlin kam. Mit seinen beidhändig gemalten Werken hatte er rheinisches Mal-Temperament und rheinische Malkultur in der Mauerstadt heimisch gemacht und so bedeutsame Schüler wie Georg Baselitz oder Elvira Bach auf den Weg gebracht. Geboren am 1. August 1915 in Düsseldorf-Kaiserswerth, hatte er das Glück, als Austauschschüler nach Frankreich zu kommen, wo er in der Art von Cézanne zu aquarellieren begann und Lyrik las. So erinnerte er sich später: "Mich überraschte das Dritte Reich zwischen Rilke, Hofmannsthal, Hölderlin, George und Baudelaire." Ein Romantiker sollte Trier immer bleiben, nicht festlegbar auf konkrete Motive, dem Fernen, Unerreichbaren in seinen nichtfigurativen Gemälden immer auf der Spur. Diese Haltung läßt sich auch aus seiner Erfahrung im Dritten Reich begreifen. Wie für viele seiner Generationsgenossen bedeutete für ihn Abstraktion Freiheit. Doch der Künstler verlor sich nicht in den Gefilden der Kunst, sondern gründete zusammen mit seinem Bruder, dem Kunsthistoriker Eduard Trier, sowie dem Maler Georg Meistermann und anderen rheinischen Künstlern in der Nachkriegszeit die "Donnerstagsgesellschaft", in der Probleme in Kunst, Politik und Kultur endlich wieder offen diskutiert werden konnten.

Ein ausgedehnter Südamerika-Aufenthalt Anfang der Fünfziger aber lehrte ihn endgültig künstlerische Freiheit. Dort faszinierte ihn vor allem die Musikalität der Menschen, die originären Tanzrhythmen. In Kolumbien schuf er mit den sogenannten "Tanzbildern" jene Vorläufer für seine beidhändigen "choreographischen Pinselschwünge", die später sein Erkennungszeichen werden sollten. Er selbst hat es in dem Essay "Wie ich ein Bild male" einmal so beschrieben: "Malen heißt, in zusammenhängendem Ablauf auf überschaubarer Fläche tanzen: Im Fließen, im Staccato, im Anhalten, in der Wiederkehr der Pinsel schlägt der Rhythmus."

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