Kultur : Im Prinzip Hoffnung

Literarisches Kapital sucht Unternehmer: die Zeitschrift „neue deutsche literatur“ vor dem Aus?

Michael Braun

Aufmerksame Leser wurden stutzig, als die Zeitschrift „neue deutsche literatur“ im Januar dieses Jahres ihr fünfzigjähriges Bestehen mit einem Sonderheft zum Thema „Missglücken“ feierte. Besorgte Auguren lesen nun den ersten Satz in diesem Jubiläumsheft als Menetekel. Denn Brigitte Kronauer eröffnete ihren Beitrag mit einem Hinweis auf Caspar David Friedrichs Gemälde „Die gescheiterte Hoffnung“ – eine Anspielung auf die ungesicherte Zukunft der Zeitschrift?

Die Gerüchte um die gefährdete Existenz der „ndl“ haben jedenfalls neue Nahrung erhalten. Denn der Aufbau Verlag, der 1990 die Trägerschaft der Zeitschrift übernommen hatte, wird sich Mitte 2004 definitiv von dem traditionsreichen Periodikum trennen. „ndl“-Chefredakteur Jürgen Engler hat jedoch die Hoffnung auf ein Fortbestehen seines Blattes noch nicht aufgegeben. In den nächsten Tagen führt er daher Gespräche mit Interessenten, die um die enormen ästhetischen Kompetenzen der „ndl“ wissen.

Es war ja auch famos, wie sich das bis 1989 weitgehend SED-hörige Journal, das bis dahin das offizielle Organ des DDR-Schriftstellerverbands war, binnen kürzester Zeit in die spannungsreichste Literaturzeitschrift der Wendejahre verwandelte. Zwar artikulierte sich unter den vormaligen DDR-Autoren zunächst nur der Ekel, ein tief sitzender Degout vor den vermeintlichen Kolonisatoren des Westens. Autoren wie Volker Braun oder Rainer Kirsch, die sich vom Kollaps der sozialistischen Utopie enttäuscht sahen, kultivierten das Lebensgefühl der Betrogenen. Aber spätestens mit dem grandiosen August-Heft 1991, darin der berühmte Essay von Adolf Endler zu den apokalyptischen Bildwelten Wolfgang Hilbigs, hatte sich die „ndl“ in den exklusiven Kreis der literarischen Journale katapultiert, die – wie Joachim Kaiser anerkennend schrieb – für den „intellektuellen Selbstfindungsprozeß der Nation“ unverzichtbar waren. Die Restbestände an DDR-Nostalgie wurden abgestreift, und es entfaltete sich, unter der Regie von Jürgen Engler, die ästhetische Neugier auf die Suchbewegungen der jungen deutschen Literatur.

Eine Weile schien es, als habe sich die „ndl“ als Austragungsort reizvoller ästhetischer Ost-West-Konfrontationen durchgesetzt. In den letzten Jahren hatte sich das Profil der Zeitschrift aber immer mehr verwischt, konkurrierende junge Blätter, etwa die Leipziger „EDIT“ oder die Berliner „Losen Blätter“, drohten ihr den Rang abzulaufen.

Gleichwohl möchte man auf die „ndl“ nicht verzichten, nicht nur wegen der zornigen Lyrik-Essays Sebastian Kiefers, sondern auch wegen der aufschlussreichen Gespräche über Autoren-Poetik (mit Christian Lehnert, Ulrike Draesner u.a.) Dass die Abo-Zahlen alarmierend sinken, ist ein Phänomen, von dem auch Blätter wie das „Schreibheft“ oder die „Akzente“ heimgesucht worden sind. Die goldenen Zeiten für Literaturzeitschriften werden wohl nie mehr wiederkehren. Aber es gibt viele gute Gründe, die „ndl“ als eine der wichtigsten literarischen Probebühnen Deutschlands am Leben zu erhalten.

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