Kultur : Im Redefluß

TOM HEITHOFF

Sie haben schön kurze Namen: Vi, Dee, Jay und Pru.Das ist praktisch, wenn man viel telefonieren muß.Und viel telefonieren müssen die vier Damen in Ron Harts Komödie "Lunch Girls", deren deutsche Erstaufführung (übersetzt von Christa Tragelehn) nun im Potsdamer Hans Otto Theater stattfand.Ja, die vier Hausfrauen verbringen die meiste Zeit am Telefon ("Hi Dee, hier ist Jay"), um sich zu einem gemeinsamen Essen zu verabreden.Bei dem Damenquartett ist das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit.

Vi (abgeklärt: Jutta Eckhardt) kann noch nicht genau sagen, ob sie am Dienstag Zeit hat, denn der Rollstuhl ihrer Schwiegermutter "ist durchgeschmort.Ich nehme an, sie ist wieder gerast.Jetzt muß ich mit ihr ins Seniorenzentrum laufen." Dee (temperamentvoll: Rita Feldmeier) kann am Freitag nicht, denn "Roger kommt mit den anderen aus Saudi-Arabien zurück und wir Ehefrauen müssen Fahnen schwingen".Die depressive Jay (Christiane Ziehl) erklärt mit klagender Stimme, am Donnerstag müsse sie mit ihrem Sohn ("Seine Zahnspange ist verrutscht") zum Kiefernorthopäden.

Nichts weiter? Fast nichts.Die einsamen Hausfrauen drücken sich den Telefonhörer ans Ohr, um endlich einen Termin zu finden - und bei dieser Gelegenheit über die anderen Freundinnen zu tratschen.Regisseurin Heidemarie Rohweder läßt in den ständig wechselnden Kurzszenen nur die jeweils Sprechenden im Licht.Da die vier auf der nach hinten ansteigenden Bühne (Herbert Neubecker) auf ihren eisschollenartigen Territorien festsitzen, entsteht allein durch die raschen Lichtsprünge Bewegung, eine Bewegung über den Stillstand hinweg.

In dieses harmlose Telefongeplänkel fädeln sich schon bald die ersten Bösartigkeiten ein."Wir sind so verschieden und trotzdem so gute Freundinnen", ruft die hyperaktive Pru (Sabine Scholze), die beim Telefonieren mit dem Staubtuch wedelt.Doch das stimmt schon lange nicht mehr.Man lästert über Vi ("Sie hat den Verstand einer Müllkippe"), vermutet, daß ein Gatte zu warmes Sperma habe, da seine Frau nicht schwanger wird.Dee, die mit ihren Stofftieren schmust und sich leichtbekleidet im rosa Himmelbett räkelt, platzt der Kragen: "Ich habe es satt, dieses Gerede über Kiefernorthopäden und Ponies.Es muß doch noch etwas anderes geben!"

Die Inszenierung will die Oberfläche gar nicht verlassen.Selbst wenn Vis Mann dem Herzinfarkt erliegt, wenn betrügerische Verhältnisse zur Sprache kommen, wenn das Leid der unerwiderten lesbischen Liebe Jays zu Dee hervorbricht, erscheint der Affekt nur als kurze Unterbrechung, als kleines Hindernis im Fluß des Smalltalks.Schließlich sitzen drei Damen am Tisch und warten auf Jay.Pru greift zum Telefon.Schrecken in ihren Augen, und die Freundinnen erfahren, was der Zuschauer längst ahnt: Sie hat sich das Leben genommen.Auf der dunkler werdenden Bühne beginnen die Übriggebliebenen endlich zu sprechen - miteinander und nicht in einen Apparat hinein.Ob sie sich jetzt endlich etwas zu sagen haben? "Lunch girls" ist zu flach, um dem Publikum tieferes Lachen zu entlocken ("Spermatozoa klingt wie ein italienischer Philosoph"); die tragischen Unterströmungen sind zu schwach, um das Herz noch nach der Vorstellung zu bewegen.Ein leichter lunch; schnell verspeist, schnell verdaut.

Wieder heute und 21.Mai, 19 Uhr 30.

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