Kultur : Im Reich der Filme

Der japanische Regisseur Nagisa Ôshima wird 80.

Nora Bierich
Foto: AFP
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Einem einzigen Film ist es zu verdanken, dass Nagisa Ôshima in Europa bekannt wurde: „Im Reich der Sinne“. In Japan gedreht, aber in Frankreich entwickelt und geschnitten, um der japanischen Zensur zu entgehen, sorgte er 1976 bei den Festivals in Berlin und Cannes für Skandal. In Berlin wurde er wegen Pornografieverdacht beschlagnahmt, dennoch kam er 1978 mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ in die bundesdeutschen Kinos. In Japan war er bis 2000 nur in einer stark zensierten Fassung zu sehen, Ôshima selbst wurde wegen des gleichzeitig erschienenen Buchs zum Film der Verbreitung von Pornografie angeklagt und erst 1982 freigesprochen.

„Im Reich der Sinne“ erzählt die Geschichte der Prostituierten und Dienstmagd Sada Abe, die ihren Dienstherrn Kichizô nach einer obsessiven Liebesbeziehung beim Sex erdrosselt und ihm den Schwanz abschneidet. Die Kastration als Akt der Befreiung: Erstmals in der Filmgeschichte wurde explizit eine Sexualität gezeigt, die nicht vornehmlich dem männlichen Blick diente, in der die Lust der Frau nicht marginalisiert oder zur Ware, sondern in den Mittelpunkt gestellt wurde. Ôshima hatte einen erotischen (und eben nicht pornografischen) Film aus weiblicher Sicht gedreht.

Auch andere Ôshima-Filme sorgten für Aufruhr. Schon 1960 hatte der 1932 in Kyoto geborene Jurist, der als Regieassistent bei der Produktionsfirma Shôchiku anfing, eben jene mit seinem vierten Film „Nacht und Nebel über Japan“ so gegen sich aufgebracht, dass die Firma ihn gleich nach dem Start wieder aus dem Kino nahm – der Beginn von Ôshimas Karriere als unabhängiger Filmemacher. Es geht um die Auseinandersetzung in der studentischen Linken während der militanten Proteste gegen den amerikanisch-japanischen Sicherheitspakt 1960. Der Regisseur war selbst in der Studentenbewegung aktiv, jetzt bezog er Stellung, mit einer revolutionären filmischen Kritik an der revolutionären Bewegung und einem Appell an die Intellektuellen, den Kampf gegen die pro-amerikanische Regierung und die konservative Strömung innerhalb der Linken kompromisslos zu führen.

Ôshimas Filme handeln immer von Sexualität und Politik, immer stehen Ausgegrenzte im Zentrum, etwa die diskriminierten Japan-Koreaner – Nachfahren derer, die während der Annexion Koreas von 1910 bis 1945 zwangsjapanisiert wurden. So erzählt „Tod durch Erhängen“ (1968) die abstruse Geschichte eines zum Tode verurteilten Japan-Koreaners, der die Hinrichtung überlebt und, obwohl er sich danach an nichts mehr erinnert, noch einmal seine Schuld erkennen muss, um endgültig gehängt werden zu können. Zu diesem Zweck spielen ihm die japanischen Strafvollzugsbeamten Szenen aus seinem Leben so wirklichkeitsgetreu nach, dass sie selbst zu Verbrechern werden.

Das Verhältnis von Täter und Opfer ist ein wesentliches Motiv bei Ôshima. Er fand, dass fast alle japanischen Filme dem Bewusstsein der Japaner als Opfer von Krieg, Armut und feudalen Strukturen schmeichelten; dieser Opfermentalität trat er entgegen. Auch in seinen über 20 Dokumentarfilmen geht es vor allem um die Täterseite in der Kriegsvergangenheit Japans. Ôshima wollte nie die Farbe Grün zeigen. Er verdächtigte sie, die Dinge abzumildern. „Ich weiß nicht, wie die Menschen anderer Länder reagieren, aber ich bin sicher, dass es bei den Japanern so ist: Grün versüßt ihre Gefühle. Deshalb habe ich beschlossen, die Farbe Grün vollständig zu verbannen.“ Am heutigen Samstag feiert der revolutionäre Filmemacher Nagisa Ôshima, der nach mehreren Schlaganfällen zurückgezogen lebt, seinen 80. Geburtstag. Nora Bierich

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