Kultur : Im Reich des Lazarus

Die dunkle Seite des Christentums: Wenn Totgeglaubte wieder auferstehen. Eine Osterfantasie

Rüdiger Schaper

Es gab ein Vorspiel. Spiegelbildlich. Als hätte Jesus seine Auferstehung – das Ostergeschehen – in einer Generalprobe durchexerziert und vorweggenommen. Nicht am eigenen, aber an einem anderen Leib, dem seines Freundes Lazarus. Der war schon vier Tage im Grab, als Jesus ihn auferweckte von den Toten.

Die Geschichte spielt in Bethanien, wenige Kilometer von Jerusalem entfernt. Maria und Martha, die Schwestern des Lazarus, haben Jesus holen lassen. In ihrem Haus hält sich eine große Trauergemeinde auf; Lazarus muss ein beliebter Mensch gewesen sein. Die Schwestern führen Jesus zu der Grabhöhle, der Stein wird weggewälzt, und Jesus, dem die Tränen gekommen sind, ruft mit lauter Stimme – Lazarus, komm heraus!

Auf Darstellungen des Lazarus-Wunders, von Giotto über Rembrandt bis van Gogh, steht den Augenzeugen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Man hält sich Tücher vor Nase und Mund, denn, so Martha in der Bibel, „er stinkt schon“. Der lebende Leichnam ist wie eine Mumie in weiße Tücher gewickelt. Odilon Redon, ein französischer Symbolist, zeichnete den Kopf eines Zombies, der hinter der Grabplatte hervorschaut. Die Haare stehen ihm zu Berge, der Blick ist hart und bitter, die Hände erinnern an Krallen.

Woran der Mann starb, ist nicht überliefert. Jesus weiß aber – und er lässt sich zwei Tage Zeit, nach Bethanien aufzubrechen: des Lazarus „Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde“, wie es in der Bibel heißt. Jesus lässt den Freund demnach sterben, um ihn aus der anderen Welt zurückzuholen.

Von Totenerweckungen berichtet auch das Alte Testament, und Jesus hat zuvor einmal schon ein zwölfjähriges Mädchen vom Totenbett und einen jungen Mann aus dem Sarg erhoben. Doch keine seiner Wundertaten wirkt so spektakulär, grausig und folgenreich wie die Geschichte des Lazarus, der bereits der Verwesung anheim gefallen war.

Als die Hohepriester und Pharisäer davon erfahren, beschließen sie Jesu Tod. Auch Lazarus soll beseitigt werden, „denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus“. Das Maß war voll.

In der orthodoxen Kirche wird die Auferstehung des Lazarus am Sonnabend vor Palmsonntag als das „kleine Ostern“ gefeiert. Die Lazarus-Literatur verstärkt allerdings den Eindruck, dass es hier wenig zu feiern – und vieles zu fürchten gibt. Man schaut in den Abgrund des Todes, in eine tiefgraue Zone von Mythen und Mutationen. Den Tod zu überwinden, das ist die Hoffnung. Und das ist zugleich eine große Gefahr.

Von der Rückkehr der Religion war zuletzt viel die Rede, von neuer Sehnsucht nach dem Glauben. Die streng säkulare westliche Welt weiß dabei nicht so recht, wie ihr geschieht – was da wiederkommt, und warum, warum jetzt. Lazarus erscheint in dieser Zeit als Symbolfigur für ein Christentum, das längst abgelegt und abgelebt schien. Lazarus, mit all seinen Geheimnissen und Schrecken: Wie wir, so war auch er nicht vorbereitet auf das, was auf ihn zurollte.

Sein Name bedeutet im Hebräischen „Gott hat geholfen“. Hat er gewollt, dass ihm aus dem Grab herausgeholfen wird? Der neugeborene, hilflose Lazarus übt eine dunkle Anziehungskraft aus. Er hatte wohl alles hinter sich, das Leben, die Freundschaft, die Religion, und nun, da er ein zweites Leben, eine neue Chance bekommt, spürt man profunde existenzielle Verwirrung. Und Horror.

Das Ostern des Lazarus ist das Ostern einer Welt, die dachte, den Glauben überwunden zu haben. Der Lazarus-Glaube ist zeitgenössisch-ambivalent. Er verbreitet Dunkelheit und Licht. Und: Wie hat dieser Untote so lange seine Gestalt erhalten?

„Ich habe es wieder getan. / Einmal jedes Jahrzehnt / Bring ich es fertig – /... Sterben / ist eine Kunst, wie alles andere./ Ich kann es besonders schön.“ Sylvia Plaths Gedicht „Lady Lazarus“ nimmt in sarkastischem Ton den Selbstmord der Dichterin vorweg. André Malraux gab dem letzten Band seiner Erinnerungen den Titel „Lazarus“: Reflexionen eines alten Mannes, den eine rätselhafte Lähmungskrankheit befällt. Und die Erinnerung an das mörderische Grauen des 20. Jahrhunderts.

Die hellsichtigste Lazarus-Erzählung schrieb der Russe Leonid Andrejew (1906). Bei ihm kommt mit dem Auferweckten ein Fluch in die Welt. Lazarus schweigt sich aus über das, was er dort gesehen hat. Wer ihm zu lange in die leeren Augen blickt, verliert die Freude am Leben, fällt in einen bösen Zauber, aus dem es keine Rettung gibt. „Durch die schwarzen Kreise seiner Pupillen sah wie durch dunkle Gläser das unfassbare Jenseits die Menschen an.“ Andrejew lässt seinen Lazarus-Antichrist zum Kaiser Augustus nach Rom reisen, dort wird der unglückselige Fürst der Dunkelheit, der Vampir wider Willen mit einem glühenden Eisen geblendet, auf dass er niemanden mehr mit seiner tödlichen Apathie treffen kann.

Schon im Neuen Testament wird der Zweifel an dem Wunder gesät, das dem toten Lazarus widerfährt. Als Einziger berichtet der Evangelist Johannes – in Kapitel 11 – von der Totenerweckung vor Ostern, Christi rätselhaftem Meisterstück. Nachher wird Lazarus noch einige Male erwähnt, aber Johannes sagt nichts über das zweite Leben des Lazarus. Da sprießen die Legenden über den Mann, der (mindestens) zwei Gräber hatte.

Lazarus soll, das zieht sich durch die kryptischen Berichte, aus Palästina geflohen sein. Quellen behaupten, er sei von den Römern in den Kerker geworfen und enthauptet worden. In Larnaka auf Zypern ist ihm eine Kirche geweiht, er soll dort Bischof gewesen sein, in der Krypta, so heißt es, befinde sich sein Sarg. Und er habe Zeit seines zweiten Lebens nie gelacht. Weit verbreitet im Mittelmeerraum ist die Geschichte, dass die Gottesmutter Lazarus auf Zypern besucht habe. Kreuzritter haben, auch das wird erzählt, die Gebeine des Lazarus 1204 nach Marseille verschleppt. In der Kirche von Autun werden diese Reliquien verehrt.

Hier betritt man das Gebiet christlicher Geheimwissenschaften. Die Sage vom Heiligen Gral kommt ins Spiel. Bestseller-Autoren wie Dan Brown („Sakrileg“) finden im lazaristischen Reich geduldigen Stoff für Spekulationen und Thrillerplots. Und auch die jüngste Diskussion um das „Judas-Evangelium“ zeigt, wie anziehend die Idee eines von Jesus selbst initiierten Verratskomplotts auf Christen wirkt. Man mag derlei als billige Fantasterei abtun, aber die Faszination bleibt. Als habe Jesus auch, als er das Grab des Lazarus öffnen und den Toten heraustreten ließ, einen Spalt geöffnet, durch den man in die archaische Unterwelt blickt.

Die dabei standen, wanden sich mit Grausen ab. So will es die Überlieferung. Bei den Anthroposophen stößt man auf eine atemberaubende Erklärung für das Unerklärliche. Daraus, dass allein Johannes die Lazarus-Erweckung beschreibt, und wie er sie schildert, als sei er dabei gewesen, und weil Jesus ihn, seinen Freund, unter Tränen aus dem Tod zurückgeholt hat, wird geschlossen: Lazarus hatte ein zweites Leben. Kein anderer als er war der Lieblingsjünger, „der an der Brust des Herrn lag“ beim Abendmahl. Welch ein Coup! Er war es selbst, der das Johannes- Evangelium schrieb: Lazarus/Johannes.

Theologischer Unsinn? In Larnaka hat sich der Brauch gehalten, nicht mit Kindern zum Lazarus-Grab zu gehen. In seiner Kirche werden auch nur selten Hochzeiten gefeiert: Es soll Unglück und frühen Tod bringen. Moderne literarische Visionen und alter orthodoxer Aberglaube liegen in der Figur des Lazarus erstaunlich nah beieinander. Er war immer schon der christliche Dunkelmann.

Jacob Kremer, ein katholischer Theologe, schreibt im Vorwort zu seiner „Lazarus“-Monografie (1984), man habe ihm abgeraten, über die Auferweckung des Lazarus zu schreiben. Die „offene Behandlung des brisanten Themas“ könnte falsch aufgenommen werden. Das Christentum hat es verstanden, seine heidnischen Wurzeln zu kappen. In der altägyptischen Mythologie stirbt Osiris, seine Gemahlin Isis holt ihn wieder ins Leben. Osiris, der Gott der Unterwelt und der Fruchtbarkeit (!), kann im Hebräischen mit Elaser übersetzt werden, Bethanien, das Dorf des Lazarus, lässt sich als „Haus der Toten“ erklären. In einem solchen Totenhaus findet auch Osiris ins Leben zurück. Ostern, Osiris – und das Menschenopfer. Der Grieche Nikos Katzanzakis riskierte in seinem Roman „Die letzte Versuchung“ (von Martin Scorsese verfilmt) die Frage, ob Jesus ein Recht hatte, als Familienmensch, als Liebender glücklich zu werden – und nicht am Kreuz zu sterben. Buch und Film wurden von der katholischen Kirche verfemt.

Heftig bekämpfte D. H. Lawrence die Kreuz- und Opferfixierung des amtlichen Christentums. Er war nicht nur der Schriftsteller, der mit „Lady Chatterley’s Lover“ einen der größten literarischen Sex-Skandale auslöste. Er war ebenso besessen von nichtchristlicher Religiosität und den Urgründen des Christentums. Sein Erzählung „Der Mann, der gestorben war“ (1928) bringt die Geschichten von Jesus und Lazarus zusammen. Hier befreit sich Jesus allein aus seinem Grab – und von seinem messianischen Auftrag. Er fährt nicht gen Himmel, sondern geht seines einsamen Wegs, „erfüllt mit dem Abscheu unsäglicher Ernüchterung“. Bei armen Bauern erholt er sich. „Der hier war nicht der Meister, den sie so verehrt hatte, der junge, feurige, körperlose Beflügler ihrer Seele“, heißt es bei der Begegnung mit Madeleine. „Der hier stand den Liebhabern näher, die sie einstmals gekannt hatte, doch mit einer größeren Gleichgültigkeit gegenüber der persönlichen Auswirkung, und mit einer geringeren Zugänglichkeit.“ Lawrence lässt den „Mann, der gestorben war“, weiterziehen, weg vom Gottesbund, vom Bibelland. Er lebt schließlich mit einer Isispriesterin zusammen, die von ihm schwanger wird. Jesus/Osiris verlässt die Geliebte und rudert aufs Meer. „Möge das Boot mich forttragen. Morgen ist ein neuer Tag.“

Das ist im Grunde die Botschaft der Lazarus-Geschichte: das zurückgenommene Menschenopfer. Die große christliche Erzählung nahm einen anderen Verlauf. Keine Gnade ohne Gewalt. Lazarus lebte, damit Jesus am Kreuz sterben konnte. Vielleicht können wir uns deshalb Lazarus, den auferweckten, nicht als glücklichen Menschen vorstellen.

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