Kultur : Im Rückspiegel des Systems

Chalid al-Chamissi erzählt 58 Taxigeschichten aus Kairo

Andreas Pflitsch

Eine unangekündigte Straßensperrung. Präsident Hosni Mubarak will einen Ausflug unternehmen und bringt den Verkehr in Kairo für Stunden zum Erliegen. Für einen der rund 250 000 Taxifahrer in der ägyptischen Hauptstadt ein Verdienstausfall mit Konsequenzen: „Die ganze Familie musste ohne Abendbrot ins Bett“. Man lebt von der Hand in den Mund. So steht es in einer der 58 Miniaturen, Begegnungsskizzen und fiktiven Monologen aus Kairener Taxis, mit denen der 1962 geborene Politikwissenschaftler, zeitweilige Verleger, Journalist und Filmemacher Chalid al-Chamissi das Panorama einer Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs entwirft. Das 2006 erschienene Original wurde ein Überraschungserfolg. Man sollte sich vom Plauderton der betont ungekünstelten, im Original am Dialekt orientierten Sprache Chamissis aber nicht täuschen lassen. Was harmlos anekdotisch, kurzweilig und stellenweise witzig daherkommt, erweist sich als durchkomponierte Gesellschaftskritik voll bitterer Wahrheiten.

Wohin man sieht, schaut man der Misere ins Gesicht. Dank der galoppierenden Teuerung ist Milch „nur etwas für Reiche“, und einer Statistik zufolge sind zehn Prozent der Kinder in Oberägypten aufgrund mangelhafter Ernährung geistig behindert. In Verwaltung und Bürokratie herrschen Willkür und Beutelschneiderei, man kann „keinen Schritt tun, ohne Schmiergeld bezahlen zu müssen“. Während in einigen Stadtvierteln Gewalt und Kriminalität blühen, behält die Polizei grundlos Ausweise ein, die man nur gegen Zahlung einer erheblichen Summe zurückbekommt. Die Medien sind Propagandaorgane und die Wahlen eine Farce, bei der die Regierung Zählkandidaten aufstellt, die angeben, selber Mubarak wählen zu wollen. „Eigentlich“, lautet das Fazit, „müssten wir Verblödungspillen schlucken, um all das zu ertragen.“

Der Wahnsinn hat System. So galten Sicherheitsgurte in Taxis lange Zeit als Luxusausstattung, für die beim Zoll zusätzlich gezahlt werden musste. Später wurde eine Anschnallpflicht eingeführt, und in den Läden tauchten überteuerte Gurte auf: „Die großen Tiere importierten die Gurte, verkauften sie und verdienten damit Millionen.“ Aber auch andere profitierten: „Das Innenministerium verteilte Tausende von Strafzetteln und verdiente ebenfalls nicht schlecht.“ Die Taxifahrer, vor die Wahl gestellt zwischen Nachrüstung oder Bußgeld, sind die Verlierer.

Ähnlich verfuhr man bei der Einführung der Taxameter. Die ägyptische Wirtschaft besteht aus nichts anderem, als „sich gegenseitig zu beklauen“, so hält sich auch der Ministerpräsident schadlos. Auch auf dem Bildungssektor funktioniert diese Form der Parallelwirtschaft. Die Lehrer, wegen ihres lächerlichen Gehalts auf Nachhilfestunden angewiesen, lassen jeden durch die Prüfung fallen, der meint, darauf verzichten zu können. Die internationale Politik stellt sich nicht weniger absurd dar. Die Amerikaner, meint einer der Fahrer, „begreift man sowieso nicht. Sie helfen Mubarak, sie helfen den Muslimbrüdern und auch den Kopten, die im Ausland herumlärmen. Sie geben den Saudis Geld, die es wiederum den Islamisten geben, die damit Terroranschläge gegen Amerika finanzieren. Das ist doch ein schreckliches Durcheinander.“

Angesichts der allgemeinen Verunsicherung verwundert es kaum, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Auf diese Weise pflanzt sich die Rücksichtslosigkeit immer weiter fort. Allein Frechheit siegt und wo alles und jeder käuflich ist, ist der Ehrliche der Dumme. Der Westen bleibt trotz kritisierter Arroganz und Doppelmoral die Vergleichsgröße. „Der Unterschied liegt im Recht. Sie haben Gesetze, und die werden eingehalten. Wir nicht. Das ist der Unterschied.“ Die Empörungsbereitschaft ist unter diesen Umständen entsprechend hoch, das Frustpotenzial enorm. „Wir leben in einer einzigen Lüge und glauben daran.“ Man flüchtet sich in Zynismus oder die einfachen Wahrheiten der religiösen Eiferer mit ihren abstrusen Verschwörungstheorien. Ein Prediger, dessen Kassetten im Taxi laufen, meint zu wissen, wo alles Übel seine Wurzeln hat: „Junge Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren sind das Furchtbarste geworden, was je auf Erden gesehen ward.“

Zerfressen ist die ägyptische Gesellschaft nach drei Jahrzehnten unter Mubarak. Dabei kündigte sich die jüngste Revolution durchaus an. Chamissis Buch selbst und die Tatsache, dass es die Zensur passieren konnte, ist ein Hinweis darauf. „Die Regierung hat Angst“, legt er einem Taxifahrer in den Mund, „ihr schlottern die Knie. Ein Windstoß, und sie fällt um.“ Chamissis Beobachtungen strafen all diejenigen Lügen, die sich von der Demokratieunfähigkeit der Araber überzeugt zeigten.

Chalid al-Chamissi: Im Taxi. Unterwegs in Kairo. Aus dem Arabischen von Kristina Bergmann. Lenos

Verlag, Basel 2011.

187 Seiten, 19,90 €.

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