Kultur : Im Sandsturm: Zum Tod des ungarischen Lyrikers György Petri

Volker Sielaff

Er mochte die Dinge seines Lebens nicht gegeneinander abwägen. Auch wenn man ihn im Westen anfangs als "politischen Dichter" rezipierte - das ist György Petri nie ausschließlich gewesen. Für Dichtung aus den geheizten Hinterzimmern der Poesie war dieser Mann nie zu haben, er hat sich immer ganz hineingegeben in seine Verse. Die ungarische Revolution des Jahres 1956 erlebte er noch als "fanatischer Junge", doch der Einmarsch russischer Truppen sollte "eine lang andauernde Depression" bei dem noch jungen Mann auslösen. Damals, sagt er, habe er beschlossen, Dichter zu werden.

Und er wurde einer der großen ungarischen Dichter der Moderne, den man getrost in einem Atemzug nennen kann mit Marton Kalasz und Sandor Weöres, mit Janos Pilinszky und Istvan Vas. Es gibt von György Petri sarkastische, ja gallenbittere Zeilen zu politischen Tagesereignissen, deutliche Worte wie die auf den toten russischen Führer Breschnjew, den "alten Trottel mit dem schiefen Mund", bei dem "Jaru und Ceau" (Jaruzelski und Ceausescu) als Totenwächter wachen. Es gibt seine manchmal von beinahe Traklscher Düsternis geprägten Metaphern auf einen kranken, erstarrten Sozialismus - aber es gibt auch das Lob "herbstlich kühler Zimmer", den ruhigen Blick aus einem weit geöffneten Fenster in einer Zeit, da alle Türen ins Offene zugeschlagen waren.

Man mag nur versuchen, sich vorzustellen, was es für einen Dichter bedeutet, länger als ein Jahrzehnt nichts veröffentlichen zu dürfen. Als "Zeit der Kakteen und des Sandes" hat Petri in einem Gedicht diese dumpfen Jahre tituliert, da er nur in Samisdat-Zeitschriften publizieren konnte.

György Petri hat immer wieder auch mit dem eigenen Tod kokettiert. Seine letzten, auf Deutsch noch unveröffentlichten Gedichte kreisen um dieses Thema. Aber er hat auch, keinem irdischen Genuss abgeneigt, die Frauen geliebt, er hat sie liebevoll verwünscht oder, wie in dem Gedicht "Demi-sec", mit ihnen "die Gerichte geteilt". Sein "Privatleben", das hat er oft genug wissen lassen, möge aus seinen Gedichten hervorgehen. Einige der schönsten Liebesgedichte der ungarischen Moderne stammen aus Petris Feder. Sein deutscher Übersetzer Hans-Henning Paetzke hat Petri einen "Dichter des Alltags" genannt. Darin sei er dem Nationaldichter Ungarns, Sandor Petöfi, verwandt. Vielleicht wird man dem Werk György Petris mit dieser Bezeichnung am ehesten gerecht. Halten wir uns dabei an seine eigenen Worte: "Die Politik ist ein ebenso organischer Bestandteil meines Lebens wie Frauen, gute Zigaretten, Alkohol und wie meine Privatleidenschaft, das Kochen."

Am Sonntag ist György Petri mit 57 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Budapest gestorben.

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