Kultur : Im Sarg des Golem

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über

Erzählungen, die bis den Tod zurückgehen

Die Zukunft können in Vladimir Nabokovs vorletztem Roman „Durchsichtige Dinge" von 1972 (Rowohlt) nicht einmal die Geister vorhersehen. Aber die Vergangenheit. Sie schimmert durch die Oberfläche der Dinge hindurch. „Novizen müssen lernen, über die Materie dahinzugleiten, wollen sie, dass die Materie genau auf der Höhe des Augenblicks bleibt." Nicht zu viel Vergangenheit und nicht zu wenig (gegenwärtige) Materie also braucht es für einen aus dem Jenseits erzählten Roman. Nabokov beginnt ihn mit der letzten Reise der Hauptperson Hugh Person, jener, in der sich drei frühere spiegeln und auf der ins Jenseits zu den erzählenden Geistern geschickt wird.

Mit schönerem metaphysischen Humor hat wohl niemand das retrograde Erzählen geübt, in dessen Zeichen diese Woche steht. Der 1977 gestorbene Nabokov tritt, den Geistern sei es geklagt, im Literarischen Colloquium, leider nicht in ihr auf. Jedoch Mario Fortunato, der in „Die Liebe bleibt" (Wagenbach) von einem Kriminalfall des Jahres 1929 erzählt und dessen Wirkungen bis in die zweite und die dritte Generation verfolgt. Der Mord an einem aus dem Norden zugereisten Arzt bleibt unaufgeklärt, weil die Bewohner des Dorfes den Hauptverdächtigen decken: den möglicherweise gehörnten Apotheker. Vom Madame BovaryMotiv der in der Kunst aufgehobenen Sehnsüchte nach einem anderen Leben erzählt Fortunato in funkelnden Splittern, detailreich und elegant über die Materie dahingleitend – kein Novize, sondern ein Meister (heute, 20 Uhr).

Zehn Jahre später beginnt Michael Chabons Roman „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay" (Kiepenheuer & Witsch). Der Pulitzer-Preisträger 2001 lässt seinen Helden 1939 aus dem besetzten Prag fliehen – im Sarg des Golem! Josef Kavalier feiert dann in den USA mit seinem Cousin Clay große Erfolge mit Comics (Literaturhaus, morgen, 20 Uhr).

Am Mittwoch liest auch Johannes Schenk, einer der Letzten der seligen Westberliner Bohème- und Literaturszene mit Günter Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell, in der Akademie aus seinem neuen Gedicht "Galionsgesicht" (20 Uhr).

Jean Améry legte 1978 Hand an sich. Der unbestechliche Moralist war 1938 aus Österreich nach Belgien emigriert, dort als Mitglied des Widerstands verhaftet worden und hatte verschiedene Konzentrationslager überlebt. Er weigerte sich bis Anfang der Sechzigerjahre, in Deutschland publiziert zu werden, und erzählte unbestechlich von den existenziellen Erfahrungen des Lagers, der Folter und der Bereitschaft zum Tod. Anlässlich einer neuen Gesamtausgabe seiner Schriften bei Klett Cotta liest der Kritiker Wilfried F. Schoeller im Literaturforum (21.11., 20 Uhr) aus Amérys Werk und zeigt Filmausschnitte.

Die jüdische Ärztin Lilli Jahn starb 1944 in Auschwitz. Ihr nichtjüdischer Mann hatte sich von ihr scheiden lassen. Bis zuletzt schrieb sie ihren Kindern liebevolle Briefe. Ihr Enkel, der stellvertretende Chefredakteur des „Spiegel" Martin Doerry, hat aus ihnen eine anrührende Biografie zusammengestellt, aus der er am 24.11. um 11 Uhr im Berliner Ensemble vorträgt: „Mein verwundetes Herz" (DVA).

Die Mutter von Aharon Appelfeld, der im Februar diesen Jahres 70 Jahre alt wurde, wurde von den Deutschen erschossen, er und sein Vater kamen in ein Konzentrationslager. Appelfeld konnte fliehen. Er kehrt in seinen Romanen immer wieder in die Bukowina zurück. „Alles was ich liebte" (Fest) erzählt in starken, einfachen Bildern von einem Jungen in den Dreißigerjahren, der erst den Vater, dann sein ukrainisches Kindermädchen, schließlich die Mutter verliert (Literaturhaus, 24.11., 20 Uhr).

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