Kultur : Im Schatten des Fortschritts

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Als es die Schauspielerin Ingrid Bergmann 1952 zu einer ungarischen Hochzeit am Ufer der Marne verschlug, war er dabei. Ein schwedischer Filmstar, der in den USA berühmt geworden war, in Frankreich lebte und zu Gast bei Ungarn war – der Fotograf Paul Almasy hat solchen Weltverschneidungen aufgelauert. Dem heute 96jährigen „Zaungast der Zeitgeschichte“ widmet nun das Willy-Brandt-Haus eine Werkschau mit rund 130 Arbeiten.

Der in Budapest geborene Almasy war alles andere als ein Hochglanzporträtist für Prominente. Wenn er Berühmtheiten ablichtete, dann eher beiläufig in privaten Situationen. Den surrealistischen Maler Rene Magritte zeigte er in seinem Atelier düster auf einem Hocker brütend. Die Filmregisseurin Leni Riefenstahl knipste er 1937 allein auf einem weiten Platz in Paris. Sie steht so monumental wie isoliert da: Eine Ansicht, die Riefenstahls Bedeutung für die Geschichte des Kinos fast prophetisch vorwegnimmt. Denn Almasy interessierte sich nie allein für Menschen, sondern stets auch für die Bedingungen, unter denen sie leben.

Dafür bereiste er die ganze Welt. Besonders in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Bedarf an Bildern aus den ehemaligen Kolonien, die nun unabhängig wurden, sprunghaft anstieg, war Almasy ständig unterwegs. „Außer der Mongolei“ war 1985 eine Retrospektive seines Lebenswerks überschrieben: Der Rastlose hat außer dem asiatischen Steppenstaat alle Länder unseres Planeten besucht. So entstand eine gigantische visuelle Enzyklopädie: In 65 Berufsjahren hat Almasy rund 300000 Aufnahmen gemacht. Dabei gelangen ihm Motive von seltener Eindringlichkeit. So mit dem Porträt eines Arabers, der in einer sonnenverbrannten Einöde im Schatten eines Tankstellenschildes kauert: Der einzige Komfort den ihm der Vormarsch westlicher Industriekonzerne beschert hat. ohe

Zaungast der Zeitgeschichte: Bis 1. Februar im Willy-Brandt-Haus, Di-So 12 bis 18 Uhr.

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