Kultur : Im Schatten des MoMA

Renzo Piano plant einen Anbau für das New Yorker Whitney Museum

Bernhard Schulz

Die Festwochen sind überstanden. Die New Yorker Museumsszene hat sich wieder zurechtgerüttelt. Der im November eröffnete Neubau des Museum of Modern Art demonstriert in all seiner Größe, welche Rolle der modernen Kunst seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zukommt. Die anderen Museen der Stadt, so sie auf dem gleichen Felde der modernen Kunst ackern, müssen sich mit dem Bigger-than-life-MoMA arrangieren.

Doch kaum ist der Baulärm zwischen der 53. und 54. Straße verstummt, meldet sich uptown ein weiterer Kandidat für Baukräne. Das Whitney Museum of American Art, seinem Namen gemäß für amerikanische Kunst zuständig und zwar eben jene der Moderne, konkretisiert derzeit seine seit Jahren verfolgten und bislang zweimal abgebrochenen Erweiterungspläne. Der neue, ebenso verbindliche wie energische Direktor Adam Weinberg ist dabei, mit dem Genueser Architekten Renzo Piano das delikate Problem zu lösen, wie das architekturhistorisch bedeutsame Gebäude des Whitney inmitten einer dicht bebauten Wohn- und Geschäftsgegend wachsen kann.

Das Whitney – zeitlich gesehen übrigens eine Parallelgründung zum MoMA vom Ende der Zwanzigerjahre und lange Zeit sogar dessen Nachbar – erhielt 1966 einen geradezu skulpturalen Neubau von Bauhaus-Meister Marcel Breuer an der Madison Avenue. Er schließt an die benachbarten brownstones an, jene für das alte New York typischen Wohnhäuser aus rotbraunem Sandstein. Diese Nachbarbauten stehen, vom Schmalbrüster gleich daneben abgesehen, unter Ensembleschutz und dürfen nicht abgerissen werden. Platz wäre nur im Hinterhof.

Weinberg stellte jüngst die Erweiterungspläne einem internationalen Publikum vor. Renzo Piano hat das Musterbeispiel einer dienenden Architektur vorgelegt. Der Genueser Weltstar hat es nicht nötig, sich mit auffälligen Gebärden in den Vordergrund zu spielen. Den Aufsatz, den er auf die Breuer-Betonskulptur setzen will, um so dem Haus erstmals auch eine Tageslichtgalerie zu verschaffen, kann der Passant von unten nicht erkennen – er ist geschickt hinter die Sichtlinie zurückgesetzt. Der Neubau daneben würde den Breuer-Bau zwar an Höhe überragen, macht sich aber optisch gleichfalls klein, weil er im Hinterhof steht. Das Grundstück gleich an der Brandmauer des Breuerschen Altbaus würde eine schmale Plaza besetzen, von der aus ein neuer Zugang das künftige Doppelmuseum erschließt. Die Realisierung des Projekts ist allerdings noch unklar – erst einmal müssen die Baukosten ermittelt und die notwendigen Gelder eingeworben werden.

Das Whitney hat stets unter der unzulänglichen Vereinbarkeit von Sammlungspräsentation und Sonderausstellungen gelitten. Auch wenn sich die Situation vor Jahren schon durch die Auslagerung von Büros gebessert hat, besteht die Spannung fort. Derzeit wird Isamo Noguchi (1904–1988) gewürdigt, der als Sohn eines japanischen Dichters und einer amerikanischen Mutter geradezu „paradigmatisch ist für den modernen Künstler in Amerika“, wie der Katalog betont. 36 Jahre sind seit der letzten Retrospektive des Künstlers vergangen.

Noguchi steht als Mittler zwischen den pazifischen Kulturen Japans und Amerikas ohnehin singulär da. Die enorme Spannbreite seines Schaffens reicht von figürlichen über abstrakte Skulpturen bis zu Designobjekten wie den aus Reispapier gefertigten „Lichtobjekten“ der Fünfzigerjahre, die den Zeitgeist auf wunderbar leichte Weise mitteilen. Wichtig wurde die Ästhetik des Zen, die – man denke an Jack Kerouac – die zeitgleiche Beat generation stark beeinflusste.

Es ist erstaunlich, wie gut diese doch so persönliche Sprache mit dem Beton- Brutalismus des Breuerschen Museumsbaus zusammengeht. Denn auch dieser ist eine Skulptur. Mit einer einzigen, angeschrägten Fensteröffnung gibt er sich hermetisch; als ob die amerikanische Kunst eines Schutzraums bedürfte. Mit Renzo Pianos Anbau wird sich das derzeit von 600000 Besuchern im Jahr frequentierte Haus noch deutlicher als gewichtige Alternative zu den ganz großen Museumsmagneten der Stadt profilieren.

New York, 945 Madison Avenue. Ausst. Noguchi bis 16. Januar, Katalog 29,95 $.

0 Kommentare

Neuester Kommentar