Kultur : Im Schatten des Mutterkreuzes

Vollzeitjob und Kinder? Für Französinnen ist das kein Problem, bei uns fast undenkbar. Die Folge: unzufriedene Mütter, immer weniger Kinder. Muss das sein?

Barbara Vinken

Madame Gaymard, blond, zierlich, anmutig ruhig, hat acht Kinder und leitet eine große Behörde. Ihr Mann ist Minister. Sie hat außerdem zwei Gedichtbände veröffentlicht. Zu Abend isst sie alleine mit ihrem Mann – die kostbarste Zeit des Tages, wie sie sagt. Ihre Kinder besuchen die besten Schulen von Paris. Das ist auch in Frankreich eine Ausnahme. Aber es ist eine Ausnahme, die das gesellschaftliche Leitbild bestätigt. Es ist für eine Frau normal, im Beruf erfolgreich zu sein und zwei oder drei Kinder zu haben. Auch in Deutschland gibt es solche, wenn auch nicht ganz so spektakuläre Ausnahmen. Aber sie stehen quer zum gesellschaftlichen Leitbild. Hier zu Lande glaubt eine Bankdirektorin beim ersten Kind, ihren Job an den Nagel hängen zu müssen. Man kann morgens in einer Galerie arbeiten oder ein paar Stunden im Goetheinstitut unterrichten. Aber das Hauptaugenmerk hat sich auf die Kinder zu richten. Das ist deutsches Credo. Gerechnet wird in einem sonst so sparsamen Land an dieser Stelle nicht. Black- out. Ein Kindermädchen könne sie sich nicht leisten, sagt meine Mitarbeiterin. Dass ein Kindermädchen günstiger ist als der Ausfall eines Gehaltes war ihr noch nicht einmal aufgefallen. Unsere europäischen Nachbarn reißen ungläubig die Augen auf.

Mit 1,4 Kindern pro Frau steht die Bundesrepublik weltweit auf einem der letzten Plätze. Die neue Pisastudie zeigt kaum Fortschritte und lässt uns abgehängt im Mittelfeld zurück. Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen öffnet sich weiter, während in Frankreich für 2010 die Gleichstellung männlicher und weiblicher Gehälter angestrebt wird. Unsere niedrige Geburtenrate geht also einher mit einem im internationalen Vergleich unterdurchschnittlichen Anteil Vollzeit arbeitender Frauen. Dumm gelaufen.

Langsam sind diese Fakten ins Bewusstsein gesickert, verbreiten Unbehagen. Eine Zahl macht die Runde: 44 Prozent der Frauen mit Uniabschluss zwischen 35 und 39 Jahren sind kinderlos. In der nächsten Generation wird dieser Prozentsatz voraussichtlich höher ausfallen. Man ist sich einig, dass – Stichwort intellektuelles Kapital – diese Fragen für die Zukunft entscheidend sind. Familien- und Bildungspolitik werden zur Chefsache erklärt. Die deutsche Frau soll mehr Kinder gebären. Die deutsche Frau, oder besser gesagt, die deutsche Mutter, ist aber Teil des Problems.

Von der komplizierten Strukturveränderung, die der Nationalsozialismus in der Familienpolitik durchzusetzen versuchte, haben sich zwei Halbwahrheiten im Bewusstsein festgesetzt: zum einen habe die nationalsozialistische Politik versucht, die Frauen zum Gebären möglichst vieler Kinder als Kanonenfutter anzuhalten, Stichwort Mutterkreuz. Zum anderen habe die Partei versucht, die Kinder den Familien zu entfremden, um sie ideologisch zu manipulieren und gegen ihre eigenen Eltern als Spione einzusetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man daraus in Westdeutschland den Schluss gezogen, keine aktive demografische Politik zu betreiben. Die Angst, in die Naziecke gestellt zu werden, hing bedrohlich über solchem Ansinnen. Und prompt kam es auch jetzt zu einem unheimlichen Echo aus dieser Zeit: Nicht nur würden zu wenig Kinder geboren, sondern außerdem bekämen die falschen Leute Kinder, meinte der FDP-Politiker Daniel Bahr. Wobei sein Ziel, Frauen mit einem akademischen Abschluss durch den Ausbau von Kinderbetreuung in die Lage zu versetzen, Kinder und Beruf zu vereinigen, ja unterstützenswert ist.

Weil die Familie, so die westdeutsche Nachkriegspolitik, gegen „Fremdeinflüsse“ geschützt werden sollte, gab es keine Kinderkrippen wie in der DDR, keine Ganztagskindergärten, keine Ganztagsschulen. Der Staat hatte sich aus all dem rauszuhalten. Die Bundesrepublik setzte auf die Ehe als Versorgungsinstanz. Das Ehegattensplittung und die Versicherungsregeln subventionierten den Austritt der Ehefrau aus dem Beruf.

Verschleiert werden die harten Fakten dieser Politik, die nichts mit unserem Selbstverständnis von Gleichberechtigung zu tun haben, unter den Stichworten „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, „partnerschaftliche Umverteilung der Aufgaben“ oder „Neue Väter“. Doch „Vereinbarkeit“ bedeutet in der Realität der Arbeitswelt, dass weibliche Berufswege vom Dreiphasenmodell geprägt sind: Ausbildung und erste Berufserfahrung, dann der weitgehende oder völlige Ausstieg aus dem Beruf und Konzentration auf die Familienphase, anschließend Rückkehr in den Beruf. Diese Rückkehr, wenn sie überhaupt stattfindet, erfolgt zu desaströsen Bedingungen. Stellen wir uns ein Paar vor, Anfang 30. Sie ist Journalistin, angestellt, ehrgeizig. Er ist in der Facharztausbildung, hat viel zu tun, verdient aber schlecht. Mit 45 arbeitet sie dann als freie Mitarbeiterin bei einer Regionalzeitung. Er ist im medizinischen Management eines großen Krankenhauses.

Die Karriereschritte, die die Männer in der Zeit gemacht haben, unterbleiben bei den Frauen. In dieser Art von Mutterschutz, der Frauen dauerhaft erfolgreich aus den Karrieren kickt, ist Deutschland international führend. Mütter als gleichberechtigte Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt gibt es in dieser Vorstellung nicht.

Die Männer, die tatsächlich Erziehungsurlaub nehmen, sind mit 2,1 Prozent eine statistisch fassbare, aber irrelevante Größe. Übersehen hat man bei all dem, dass alle Steuer- und sonstigen Subventionen beim besten Willen die Einbuße eines zweiten Gehaltes nicht wettmachen können. Und dass viele Frauen den Preis eines erfüllenden Berufslebens nicht mehr für die Kinder zahlen wollen.

Nun sieht es so aus, als würde sich in der Familien- und Bildungspolitik eine Kehrtwende abzeichnen. Die Politik schickt sich an, den deutschen Sonderweg zu verlassen und sich auf den mühsamen Weg nach Europa zu machen. Zum einen setzt man nach dem Pisaschock auf eine Erziehung, die im Kindergarten für alle beginnt, auf frühere Einschulung und auf Ganztagsschulen. Und hofft, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Denn mit dieser Wende in der Familienpolitik, die zunächst den sozial schwachen Kindern helfen soll, möchte die Regierung gleichzeitig Mütter in die Lage versetzen, als gleichberechtigte Teilnehmer auf dem Arbeitsmarkt mitzumischen. Es zeichnet sich zum ersten Mal eine Alternative von der Subvention der Einverdienerehe oder bestenfalls der Dazuverdienerehe ab.

Die Frage ist allerdings, ob eine solche Politik Chancen hat, von der Mehrheit angenommen zu werden. Eine vom badenwürttembergischen Staatsministerium beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gegebene Studie, die zu Beginn dieses Jahres veröffentlich wurde, kommt zu verblüffenden Ergebnissen. Berufstätigkeit und Kinder gelten nicht als miteinander vereinbar, sondern als Alternativen. „Mehr als in anderen Ländern dominiert in Deutschland die Überzeugung, dass sich Berufstätigkeit und Mutterschaft nur schwer vereinbaren lassen.“ Die deutscheste aller deutschen Überzeugungen ist immer noch die, dass die Erziehung der Kinder ins Haus, in die Hände der Mütter gehört.

„Lediglich acht Prozent der 18 bis 44-Jährigen plädieren dafür, dass eine junge Mutter im vollen Umfang berufstätig bleibt; 49 Prozent favorisieren den Übergang in eine Teilzeitbeschäftigung, 29 Prozent den Ausstieg aus dem Beruf. Damit ist zwar nicht der völlige Ausstieg, aber doch eine erhebliche Reduktion der beruflichen Tätigkeit das Ideal – aus der Sicht von Frauen noch mehr als aus der Sicht von Männern.“ Vollkommen einig ist sich die überwältigende Mehrheit der Frauen, unabhängig davon, ob sie Kinder bekommt oder nicht, darin, dass beides, Kinder und Karriere, nicht geht.

Dafür kann man historische Gründe finden. Seit der Reformation ist unsere Gesellschaft von einer Topik beherrscht, in der die Familie gegen die Welt steht. Diese Topik hat ihren Ursprung in Luthers Neubewertung der Familie. Luther hat Familiendienst zum Gottesdienst erklärt. Nicht mehr das Kloster oder die Kirche, wie das in katholisch geprägten Ländern noch bis in das 19. Jahrhundert hinein der Fall ist, sondern die Familie als Ort der Kindererziehung steht gegen die Verderbtheit der Welt.

Mit der Reformation galt nicht mehr die Braut Christi, die als Geliebte des himmlischen Bräutigams Mutter im Geiste ist, als die gottgefälligste weibliche Existenzform, sondern die Ehefrau und Mutter. Sie gebar in der heiligen Ehe Kinder, um ihre Seelen zu Gott zu bringen. Fortpflanzung und Erziehung der eigenen, biologischen Kinder – nicht mehr Keuschheit und das geistliche Erziehen – wird zum gottgefälligsten aller Werke, durch das Eltern zu Bischöfen und Priestern ihrer Kinder werden. In dieser Opposition von Familie als Ort des Heils und der Erlösung und der Welt als Ort der Verderbtheit wurzeln bis heute alle wirkungsmächtigen pädagogisch-politischen Reformen, die allesamt protestantische Reformen waren und denen, moderner formuliert, die von mütterlicher Liebe durchdrungene Familie als Garantie einer menschlicheren Welt gilt. In der kalten, egoistischen, männlichen Karrierewelt haben eben Karrierefrauen, aber nicht Mütter einen Platz.

Diese Überzeugung wird vor allem vom Bürger- und Kleinbürgertum – also den Frauen mit Hochschulabschluss – getragen. Bedingung dafür, dass Frauen ihren Kinderwunsch wahrmachen, sind deshalb nicht nur gesicherte Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder (lediglich 25 Prozent der 18 bis 44-Jährigen machen dies zur Bedingung). Bedingung ist, dass nur einer arbeiten muss, um ein für die Familie ausreichendes Einkommen zu verdienen (60 Prozent). Obwohl das wiedervereinigte Deutschland in Sachen Kinderbetreuung – und davon hängt die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ja konkret ab – im europäischen Vergleich ein Drittweltland ist, gibt es wegen dieser überwältigenden Erwartung, einen Ernährer zum Vater seiner Kinder zu machen, kaum Druck auf die Politik. Weil Frauen als Mütter mit ihrem Ausscheiden aus dem Beruf oder aus der Teilzeitarbeit ihre finanzielle Unabhängigkeit aufgeben, wird die Ehe als Versorgungsanstalt wirtschaftlich unumgehbar. Deswegen sind die weniger gut verdienenden Familien an der Erhöhung des Kindergeldes und die besser verdienenden am Ehegattensplitting vitaler interessiert als an Ganztagskrippen und -schulen. Die finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann führt dann zum unerbittlichen Einrasten der traditionellen Klischees: Der Ehemann verdient und die Ehefrau, Engel im Haus, sorgt für die Familie. Mit diesem Geschlechtermuster fällt Deutschland reaktionär hinter seine europäischen Nachbarn zurück, die wesentlich emanzipiertere und erotisch interessantere gesellschaftliche Modelle entwickelt haben.

Unser Rollenmodell steht im schroffsten Gegensatz zu unserem Selbstbild. Wir verstehen uns als gleichberechtigte Gesellschaft, die eine gleichberechtigte Verteilung der Belastungen durch die Familie anstrebt und beiden Geschlechtern gleiche Verwirklichungen im Beruf einräumt. Kinder bedeuten deswegen in Deutschland vor allem: Rückfall in eine Paarstruktur, die als überholt gilt, Rückfall in wirtschaftliche Abhängigkeit, die mit unseren Normen eines gelungenen Lebens nicht zu verbinden ist.

Allerdings hat auch hier der Gesetzgeber in international einmaliger Weise dafür gesorgt, dass diese Institution für einen durchschnittlich verdienenden Mann mit zwei Kindern wirtschaftlich so gut wie unauflöslich geblieben ist. Die Mutter seiner Kinder muss er wie ein Kind ein Leben lang unterhalten. Kinder gelten folglich als mit dem normalen, erwachsenen Leben, das sich durch finanzielle Autonomie auszeichnet, als nicht vereinbar. Man kann sie erst bekommen, wenn man das Leben gelebt, seine Freiheit und Unabhängigkeit genossen und seinen Mann im Beruf gestanden hat.

Zum einen wird das Zeitfenster, das gegen alle biologischen Entwicklungen immer noch als ideal für die Geburt eines Kinder gesehen wir, so extrem eng. Zum anderen haben viele Frauen mit Uniabschluss so viel von der Welt und der Liebe gesehen, aber auch so viel Spaß am Beruf gefunden, dass sie ihre Unabhängigkeit nicht so leicht aufgeben. Trotzdem begleiten Wehmut, Schmerz und Trauer ihren Verzicht auf Kinder.

Frauen, die sich für Kinder entscheiden, nehmen den Verlust von sozialen Kontakten, von beruflichen Chancen und finanziellen Nachteilen hin. Vor allem aber büßen sie nach eigenen Aussagen gesellschaftliches Prestige ein. „Nur 17 Prozent der Frauen glauben, dass die Gesellschaft keine Unterschiede zwischen Hausfrauen und berufstätigen Frauen macht. 44 Prozent der Frauen gehen davon aus, dass Berufstätigkeit für eine Frau unabdingbar ist, um gesellschaftliches Prestige zu erringen“, heißt es in der Allensbach-Studie. Mütter begeben sich hier zu Lande also mit bestem Wissen und Gewissen in eine Situation, die sie selber für peinlich halten. Frauen – und Männer – die sich gegen Kinder entscheiden, entscheiden sich damit vor allen Dingen gegen eine solche Paarstruktur, nicht gegen die Kinder. Und wenn sich das nicht ändert, wird unsere Gesellschaft in verstärktem Maße in zwei Teile auseinander fallen. Auf der einen Seite haben wir dann die Leute mit Kindern, die in Paarstrukturen leben, die die Mütter selbst als prestigeträchtig empfinden. Auf der anderen Seite Leute ohne Kinder, die neue Paarkonstellationen ausprobieren, sich aber vor allem über ihren Beruf identifizieren.

Noch ist das ein bedeutender, aber immer noch der kleinere Teil der Bevölkerung. Es ist zweifelsfrei der besser ausgebildete. Beide Teile vereint eine in Europa einmalige dogmatische Verhärtung, die das, was um uns herum passiert, zum Tabu erklärt: die alltägliche Selbstverständlichkeit, mit der uns im Ausland die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf vorgelebt wird. Und für dieses selten ausgesprochene, aber umso wirksamere Dogma, das keiner empirischen Prüfung standhält, bezahlen wir gesellschaftlich, vor allem aber in unserem Leben einen viel zu hohen und, das ist die eigentliche Tragik, ganz und gar überflüssigen Preis: überflüssige Märtyrerinnen auf der einen, überflüssiger Verzicht auf Kinder auf der anderen Seite. Beide halten an dem Dogma der deutschen Mutter in unverbrüchlicher Nibelungentreue fest.

Hin und wieder ist es ganz nützlich, einen Blick auf die Fakten zu richten. Die Kinder unserer französischen und dänischen Nachbarn sind nicht neurotischer als unsere. Sie weisen keine Verwahrlosungserscheinungen auf und haben keine ernsthaften Leistungsblockaden. Sie sind nicht emotional gestört, obwohl ganztägige Betreuung in Tagesstätten und Schulen zum Alltag gehört. Mütter, die ihren Platz in der normalen Welt der Erwachsenen haben, die in der wirtschaftlichen, politischen, erotischen Welt zu Hause sind, sind keine Gefahr für ihre Kinder. Dass sie wie die Väter arbeiten und womöglich dabei mehr Erfolg haben, ist nicht nur für ihre Töchter ein gutes Vorbild, sondern auch für die Söhne, die lernen, mit Frauen zu konkurrieren, statt sich in der Männerecke zu verbiestern. Deutsche Männer, die eine Mannschaft bilden, sind ein veraltetes Modell, dessen heroische Erfolge keinen mehr interessieren.

Barbara Vinken ist Professorin für romanische Literaturwissenschaft in München und hat einen Sohn.

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