Kultur : Im Schatten des Schädels

Wo Heiner Müllers Siegeszug begann: „Die Umsiedlerin“ im Schauspiel Chemnitz

Christoph Funke

Es mag überraschen, dass Karl Marx einen Hauptgrund der „langsamen politischen Entwicklung der Deutschen“ in den „befugten Schriftstellern“ und der „elenden Literatur vor Lessing“ sieht. Und man kann nur spekulieren, was der Philosoph von Heiner Müller gehalten hätte, der diese langsame politische Entwicklung rücksichtslos in die Krise gebracht hat. Jedenfalls thront Marxens gewaltiger Schädel, auf gut sächsisch „Nischel“ genannt, noch immer auf einem Denkmalsockel mitten in Chemnitz, weiland Karl-Marx-Stadt. DDR-Bürger nutzten den so unübersehbar zur materiellen Gewalt gewordenen Gelehrten-Kopf, um in Marxens Schriften auch widerständlerisches Denken zu entdecken, sehr vorsichtig freilich: Gegen Marx, so die Hoffnung, war auch von den ideologischen Besserwissern nur schwer Front zu machen.

Vielleicht liegt darin einer der Gründe, dass das Schauspiel in Chemnitz schon immer ein guter Ort für Heiner Müller war. 1986 brachte hier Frank Castorf in einer vielstündigen Aufführung das Aufbau-Epos „Der Bau“ auf die Bühne, sprengte die strenge Struktur des Stücks, baute die Erfahrungen der Gegenwart ein, gab den Schauspielern Gelegenheit, sich mit Müllers Material, auch durch Zufügung anderer Texte, frei und souverän auseinander zu setzen. Der legendäre Intendant Gerhard Meyer öffnete Castorf mit dieser Arbeit den Weg nach Berlin. 1981 schon, kurz nach der von Müller selbst betreuten Uraufführung an der Berliner Volksbühne, war Axel Richter eine gedankenklare und doch sinnlich expressive Aufführung des „Auftrags“ gelungen. Wenn Heiner Müller sich auf den Bühnen der DDR endlich durchzusetzen begann, liegt ein wichtiger Grund dafür im Chemnitzer Theater.

Von den Ansprüchen solcher Tradition hält sich Manuel Soubeyrand bei seiner Inszenierung des zwischen 1956 und 1961 entstandenen Müller-Stücks „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ allerdings frei. Er holt aus den in Versen geschriebenen Szenen den Spaß an Geschichte, begegnet ihnen mit einer Naivität, die es faustdick hinter den Ohren hat. Der große Versuch mit der sozialistischen Landwirtschaft ist gescheitert. Der Regisseur setzt dieses Wissen voraus und verteidigt zugleich die sozialistische Utopie, heiter, überlegen.

Müller wird nicht verbessert, umgedeutet, zurechtgeschnitten auf die Wirklichkeit des Jahres 2004. Der Text bleibt stehen. Soubeyrand zeigt die Lust an Veränderung. Ein Dorf, irgendwo in der DDR, durchlebt die Umbruchzeit nach der Bodenreform 1946 bis hin zur Kollektivierung 1960. Das gerät auf der Bühne nicht zu „Bildern“ des Klassenkampfes, sondern zu einem fröhlichen Diskurs. Der Regisseur entfacht diesen Streit besonders in den großen Versammlungsszenen mit einer Leidenschaft, der alle schneidende Schärfe fehlt. Es ist, als ob die Reaktionäre und die Fortschrittlichen im Stück wüssten, wie alles ausgegangen ist. Sie reiben sich mit Witz und Hinterlist aneinander, sie spüren Schwächen auf, holen Stärken heraus – sie machen gemeinsam das große Spiel von einer Weltveränderung, die sie bestaunen und der sie nicht gewachsen waren.

Auf der Bühne steht ein Ensemble von staunenswerter Geschlossenheit. So viele stimmige Beobachtungen charakterlicher Absonderlichkeiten den Figuren eingeprägt sind, bemühte Detailpusselei gibt es nicht. Soubeyrand lässt flott spielen, baut pralle Massenszenen im Wirtshaus und gibt den intimen Vorgängen in der „Landschaft“ mit dem Koppelzaun und der leichten Anhöhe im Hintergrund eine fast durchsichtige Klarheit (Bühne Jacqueline Hamann). Der freie Umgang aller Handelnden miteinander bleibt bestimmend, jeder von ihnen hat seinen Sparren, seine Bosheit, seine Liebenswürdigkeit. Was da geschieht, stimmt bis in die klug charakterisierenden, aber nicht vordergründig naturalistischen Kostüme von Jenny Schall hinein. Die „Erinnerung an eine Revolution“ muss eben nicht so aufgeblasen sein wie bei Ulrich Mühes „Auftrag“ in Berlin. Die Chemnitzer, vielleicht weil sie doch noch näher dran sind, stellen sich dem Vergangenen selbstbewusst, souverän und mit einer verzeihenden Ironie.

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