Kultur : Im Schatten des Zarenhofes

Neue Forschungen zur russischen Alltagsgeschichte

Bernhard Schulz

Die vorzügliche Ausstellung der Schätze aus dem Moskauer Kreml im Martin-Gropius-Bau vermag zwar, wie ihr Untertitel besagt, „Gottesruhm und Zarenpracht“ zu veranschaulichen – und zwar anhand großartiger Objekte –, doch bleibt das geschichtliche Umfeld Russlands ausgespart. Die Distanz zwischen den Schätzen der Aristokratie und dem Alltag der Bevölkerung ist tatsächlich ebenso groß, wie es die unüberwindlichen Mauern der Moskauer Burg andeuten.

Ist schon die russische Geschichte hierzulande kaum geläufig, so ist das Alltagsleben durch die Zeiten hindurch erst recht fremd. Der Züricher Osteuropa-Historiker Carsten Goehrke hat dazu die ersten beiden Bände seines auf drei Teile angelegten Werkes mit dem Titel „Russischer Alltag. Eine Geschichte in neuen Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart“ vorgelegt, die ungemein erhellende Einblicke in die Welt des europäischen Ostens – immerhin die Hälfte unseres Kontinents! – ermöglichen.

Dabei fesselt vor allem der zweite Band, dessen „Zeitfenster“ sowohl für die Herrschaft der Zarin Katharinas der II. (1762-96) als auch die Jahre von 1880 bis 1914 eine „gespaltene Gesellschaft“ von Oben und Unten konstatieren, allerdings noch ungleich krasser als jemals in den Anciens régimes westlicher Prägung. Erst auf dem Hintergrund dieser, durch verstreute Selbstzeugnisse mühsam erschlossenen Lebenswelten etwa „zwischen russischem Ofen, Hochpritsche und ,schöner Ecke’“ – wie ein Unterkapitel lautet – können auch die Kreml-Schätze in ihrer Eigenart als Symbole einer nicht-aufgeklärten, autokratischen Herrschaftsform annähernd verstanden werden.

Im Hinblick auf den Zerfall des Zarenreiches sind am spannendsten die Schlusskapitel zum „Moloch Stadt“. Die Bezeichnung gilt insbesondere für wildwüchsige Bergbau- und Industrieansiedlungen wie Jusowka – heute Donezk –, das der Autor in allen furchtbaren Details als „Hölle auf Erden“ schildert.

An den beiden bedeutendsten Städten des Riesenreiches, der Residenzstadt St. Petersburg und der traditionellen Kaufmanns- und Kirchenstadt Moskau, zeigt Goehrke die „Ungleichmäßigkeit der Modernisierung“, deren enorme Spannungen das starre System der zaristischen Autokratie nicht mehr auffangen konnte – ungeachtet des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs des Landes in den Jahrzehnten vor Ausbruch des Krieges.

Wohlgemerkt liefert Goehrke keine (politische) Ereignisgeschichte des Landes, sondern schildert den Alltag der breiten Bevölkerung. Zur politischen Historie ist im gleichen Züricher Chronos-Verlag eine „Geschichte Russlands“ von dem Baseler Historiker Heiko Haumann erschienen, die genau diese Grundlage in gedrängter, aber doch erstaunlich detailreicher Weise liefert. Erst im Zugriff auf die genannten Bücher erschließt sich die Kreml-Ausstellung über ihre faszinierende Fremdartigkeit hinaus als Einblick in ein bei uns unbekanntes, aber unendlich folgenreiches Kapitel der gemeinsamen europäischen Geschichte.

Carsten Goehrke: Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern. Bd. 1, 471 S.; Bd. 2, 547 S., geb. je 39,80 € – Heiko Haumann: Geschichte Russlands. 568 S., kt. 29,80 € – Alle: Chronos Verlag, Zürich.

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