Kultur : Im Schattenland

China, wie wir es nie gesehen haben: eine monumentale Fotoaussstellung in Berlin

Christina Tilmann

Eine lange Reihe von stolzen Vätern, die in der Klinik lernen, ihren neugeborenen Kindern die Flasche zu geben. Eine zehnköpfige Bauernfamilie, die wie die Orgelpfeifen auf einer Leiter vor ihrem Haus posiert. Parteikader, die in Dörfern für Geburtenkontrolle werben. Eine Kleinfamilie vor einer riesigen Wandinschrift, die das Einzelkind propagiert. Und eine stolze Mutter mit ihren Drillingen.

China mit all seinen Widersprüchen. 590 Fotografien aus allen Teilen des Landes sind nun im Berliner Museum für Fotografie zu sehen, in einer monumentalen Wanderausstellung, die ein China zeigt, wie man es nie gesehen hat, sofern man nicht im Land selbst über die Dörfer gereist ist. Es ist nicht das aufregende Großstadtleben eines Wachstumslandes auf der Überholspur, das wir hier sehen. Nicht die glitzernden Hochhausviertel von Peking und Shanghai, die Jugend-, Mode- und Musikkultur, die westliche Ausdrucksformen so schnell aufgegriffen hat, dass wir in jene China-Welten wie in unsere Zukunft blicken. Auch die chinesische Kunst, die seit den neunziger Jahren auf dem westlichen Kunstmarkt Triumphe feiert (und 2006 auch in der Ausstellung „Zwischen Vergangenheit und Zukunft“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen war), hat die westlichen Einflüsse verinnerlicht.

Die Fotoausstellung „Humanism in China“ indes zeigt Bilder, die Fragen aufwerfen, statt sie zu beantworten. Was wissen wir, was kennen wir, was sehen wir? Über 50 Jahre reicht die Spanne der Fotografien, und es scheint sich nicht viel verändert zu haben in den Lebensformen. Nicht chronologisch, sondern nach sehr allgemeinen Themen wie „Zeit“, „Beziehung“ oder „Existenz“ geordnet sind die Bilder, und nicht nur die Zuordnung zu den einzelnen Bereichen bleibt für den Besucher ein Rätsel. Erklärungsbedürftig sind auch die Fotografien selbst: Wer weiß, was die Kader auf dem Dorfplatz den Menschen verkünden oder was als Inschrift auf der Wand zu sehen ist? Was lernen die Kinder in der mobilen Bergschule, was schreibt die Schülerin in ihr Heft? Die blinden Geschichtenerzähler, die über die Berge wandern: Was erzählen sie? Der an Armen und Beinen amputierte Schriftsteller: Wer hat ihn so zugerichtet? Weinende Menschen auf der Straße: Was ist passiert? Und ein alter Bauer, der einen Zeitungsausriss studiert: Was fasziniert ihn so?

Die lakonischen Bildunterschriften geben über das bloße Geschehen hinaus kaum Aufschluss. Die Zwischentöne liest erst der westliche Betrachter hinein – und wundert sich, was für ein kritisches Selbstbild die Volksrepublik zulässt. Der Witz dabei: Die Ausstellung ist gar nicht für westliche Augen gedacht. Konzipiert wurde sie, um der Dokumentarfotografie, die in China lange als Pressefotografie abgewertet wurde, eine Heimat zu geben. Das Museum von Guangdong (Kanton), das sich für das Projekt erstmals künstlerischer Kuratoren und keines staatlichen „Organisationsausschusses“ bediente, sichtete über 100 000 Fotografien im ganzen Land, um schließlich 590 davon als Grundstock einer eigenen Sammlung auszuwählen. Die daraus resultierende Ausstellung wanderte 2004 im Anschluss nach Peking und Shanghai.

Dort sahen sie auch fünf deutsche Museumsdirektoren auf China-Tour, unter ihnen Martin Roth aus Dresden, Udo Kittelmann aus Frankfurt und Peter-Klaus Schuster von den Staatlichen Museen zu Berlin. Sie entschieden spontan: „Humanism in China“ muss auch in Deutschland zu sehen sein. Und zwar so, wie sie im Land gezeigt wurde, mit den gleichen Bildtexten und kargen Einführungen. Keine westliche Binnenauswahl oder zusätzliche Erläuterung sollte es geben, sondern Chinas ungefiltertes Selbstbildnis. Daher die Rätsel. Daher aber auch die unerwartete Authentizität, die aufregende Fremdheit, ja oft archaische Kraft der Bildfindungen, die zumeist von Laien- oder Pressefotografen stammen und sich mindestens so sehr durch ihre dramatischen Sujets auszeichnen wie durch ihren eigenwilligen Witz. Eine alte Frau, die sich, auf einer Mülltonne stehend, romantisch in Kirschblütenzweigen fotografieren lassen will, Reisende im Zug, die sich zum Schutz vor der kalten Klimaanlage unter den Sitzbezügen verstecken, ein Wahrsager, der sich die Weissagung per Handy einholt – diese Bilder erzählen ganze Romane in einer Szene.

Von Propaganda, von gelenkter Außendarstellung haben diese Fotografien nichts, im Gegenteil: Das China, das sie zeigen, kehrt seine Schattenseiten nach außen. Nicht umsonst heißt Fotografieren auf Chinesisch „she ying“, also: „Umgang mit dem Schatten“. Prostitution und Arbeitslosigkeit, Armut und Überbevölkerung, Rückständigkeit, Analphabetismus, Aids und Drogenabhängigkeit sind Themen, die auf den Bildern verhandelt werden, nicht anklagend, nicht abwertend, sondern mit einer sachlichen Beiläufigkeit, die umso mehr erschreckt, weil sie zeigt, was offenbar Normalität ist im Land. Man sieht eine Drogenabhängige, zusammengekrümmt am Boden. Kinder, die aus Platzmangel auf der Straße gewaschen werden. Menschen, die, um der Hitze zu entkommen, auf der Straße schlafen oder dort ihre Notdurft verrichten. Ältere Männer, die entsetzt auf eine knapp bekleidete Frau blicken. Eine Todeskandidatin, die sich sinnend ihr langes Haar kämmt. Dorfbewohner stehen staunend vor Hochhäusern oder sehen zum ersten Mal einen Zug. Man sieht ein Kind, jämmerlich weinend vor dem Grab seiner an Aids gestorbenen Eltern, und andere Kinder, auch sie Aids- Waisen, fröhlich lachend vor einer Schule. Und man sieht Überschwemmungen, Dürre, Erdrutsche, Arbeiter auf ihrem kargen Feld, Minenarbeiter im Schacht. Bilder wie von Cartier-Bresson: Jedes ein Drama, und einen eigenen Artikel wert.

Fotografien von 250 Fotografen aus einem Zeitraum von über 50 Jahren haben die Kuratoren ausgewählt, um einen Überblick über die Lebensverhältnisse im asiatischen Riesenland zu geben. „Humanism in China“ will nicht mehr und nicht weniger sein als eine Bestandaufnahme, eine „Comédie Humaine“ im Stil von Edward Streichens New Yorker Großausstellung „Family of Man“ von 1955. Den Begriff „Humanism“, von den Chinesen selbst gewählt, versteht man dabei weniger im Sinne von westlichem Humanismus, Aufklärung und Philanthropie, sondern als bloße Zustandsbeschreibung: Der einzelne Mensch in seiner Lebenswelt steht hier im Mittelpunkt. Das ist, für den sozialistischen Massenstaat China, ein neuer Blick, ja eine Revolution, eine Revolution des Individuums. Erst für den westlichen Beobachter wird wieder ein allgemeines Bild daraus.

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, bis 8. Juli, danach geht die Ausstellung nach München und Dresden. Katalog (Edition Braus) 35 €.

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