Kultur : Im Schwarzwaldstübchen

Prominenz in der Provinz: Die Sammler-Familie Grässlin eröffnet ihren „Kunstraum“ in St. Georgen

Hans-Joachim Müller

Die reiferen Jahrgänge mit soliden Kenntnissen aller Folgen der „Schwarzwaldklinik“ erinnern sich noch gut an die Tränensäcke, die Doktor Brinkmann diese sanftmütige Autorität gegeben haben. Von Kunst war ja im Drehbuch nie die Rede. Obzwar schon damals das Tal nicht wusste, was auf dem Berg geschah. Während sie also unten im Kurhotel des Lebens Schicksal spielten, saßen oben die Künstler und machten ein Fass nach dem anderen auf.

St. Georgen? Ohne gutes Kartenmaterial findet keiner hin. Wälder, Wiesen, Wässerlein. Die Grässlins zieht’s immer wieder hierher. Mutter, Sohn, drei Töchter. Anna, Thomas, Bärbel, Sabine, Karola. Die einen haben den Schwarzwald nie verlassen, die anderen nur ungern und kommen zu jeder Gelegenheit zurück. Reisende in Sachen Kunst mit charakteristischer Neigung zur Bewirtschaftung des Familienidylls.

Selbst Martin Kippenberger suchte nach kunstbedingtem Leberstress Erholung hier oben im friedlichen Forêt Noire, rechnete allerdings nicht mit der regionalen Brauereidichte und auch nicht mit dem Ehrgeiz seiner Pflegefamilie, die den Bad Boy zu schönen Kunstfortschritten anhielt. So wurde Kippenberger in den neunziger Jahren zum Hauskünstler der Grässlins und seine melancholische Weltabständigkeit mit all den kuriosen Unterbietungen der feinen Kunsterwartung zum Gütesiegel einer vor allem an neodadaistischen und konzeptuellen Positionen interessierten Sammlung.

Hier also, in geradezu bekennerischem Abstand zu den Zentren und Metropolen, haben die Grässlins ihr Privatmuseum eröffnet. Der Vater hatte in den Nachkriegsjahrzehnten noch an Zeitschaltuhren getüftelt und ein erfolgreiches Imperium aufgebaut, in dem mit der Zeit die Uhren wieder ausgeschaltet wurden, um Maschinen „für den geordneten Werkstückfluss“ Platz zu machen. Heute geht die Familie nicht weniger erfolgreich ihrer anderen Profession nach.

Mutter Anna hütet die erlesene Sammlung zum deutschen Informel der fünfziger Jahre und erzählt gerne die Geschichte, wie ihr der Basler Kunsthändler Ernst Beyeler eines der raren großen Bilder aus dem Wols-Nachlass angeboten, sie nicht lange gezögert und gleich gewusst hat, von Stund’ an eine Verantwortungsrolle im Kunstbetrieb übernommen zu haben.

Bärbel Grässlin, zunächst Mitarbeiterin in den Stuttgarter Galerien Ursula Schurr und Max Hetzler, eröffnete 1985 in Frankfurt ihre eigene Galerie, die mit Künstlern wie Herbert Brandl, Helmut Dorner oder Tobias Rehberger zu den Trendadressen zählt. Karola, seit 1999 Direktorin des Kunstvereins in Braunschweig, leitet demnächst die Kunsthalle Baden-Baden. Schwester Sabine sorgt sich derweil um die Gastronomie im neuen St. Georgener Grässlinzentrum und ist außerdem Eigentümerin eines kompletten Satzes Kippenbergerscher Arbeiten auf Papier. Die waren freilich schwer verdient. Für jedes Blatt musste sie in zartem Mädchenalter eine Stunde neben dem einsamen Kampftrinker verweilen. Thomas, Sammler wie seine Geschwister, präsidiert mit badischer Nonchalance den Familienrat, wo die verzweigten Interessen abgestimmt werden.

Der Kölner Architekt Lukas Baumewerd hat seinen Auftraggebern ein funktionelles Lager- und Ausstellungshaus gebaut. Die kubische Anlage auf dem Stadthügel gliedert die Dienstleistungen ohne allen baumeisterlichen Pomp. Restaurant („Kippys“), Magazin, „Kunstraum“, ein klassischer White Cube mit 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche, der kaum für mehr als Ausschnittspräsentationen geeignet ist. Doch die Selbstbeschränkung gehört zum Programm. Man will hier nicht groß auftrumpfen, nicht mit imperialer Sammler-Geste den eigenen Kunst-Claim besetzen.

Zur Eröffnung haben die Geschwister mit Werkgruppen von Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Mike Kelley ein fast bescheidenes Entree in die vereinigte Familiensammlung eingerichtet. Wer mehr sehen will, muss mit dem Plan in der Hand durchs Städtchen ziehen. Doch der Flaneur kommt bequem vom einen Ende der Bahnhofstraße zum anderen Ende der Hauptstraße und hat unterwegs genügend Gelegenheiten, sich mit tannenzapfengewaffelten Kaltspeisen zu versehen. Auch die Mitnahme einer EC-Karte wird empfohlen. Zumal an Wochenenden oder außerhalb der Schalterzeiten, wenn man in der Volksbank am Bärenplatz das Rohrstück sehen möchte, das Asta Gröting aus Förderbandleder geschnitten und walzenförmig vernäht hat.

Hinterhöfe, Schaufenster, Lieferanteneingänge, überall Kunst aus dem Hause Grässlin. In der Sparkasse Tobias Rehbergers verkümmerter „Porsche“, im Ratssaal Clegg & Guttmanns „politisch-physiognomische Bibliothek“, im Heimatmuseum die listigen Fotografien, die Christopher Williams vom „Bollenhut“, der Schwarzwälder Wappentracht, gemacht hat. Nicht jede Installation gelingt gleich gut. Georg Herolds wundersamen „Schlot“ würde man vielleicht doch lieber im Raum als durch die spiegelnde Scheibe von der Straße aus sehen.

Aber das sind keine Einwände gegen eine sympathische Inszenierung, die ganz anders, als es die Erfahrung mit der neueren Sammlergeschichte lehrt, auf die überwältigende Machtgeste verzichtet und dabei auch in Kauf nimmt, dass das Profil der Sammlung ein wenig fragmentarisch bleibt. Dass es die sperrigen Arbeiten sind, für die sich die Grässlins verwenden, dass sie freundlicherweise ganze Gruppen aufkaufen, aber ungern Arbeiten, die allzu freundlich im Auge liegen, das alles wird beim St. Georgener Kunstspaziergang deutlich. Und vor dem Schaufenster des „Süßen Ecks“ in der Gerwigstraße wird zudem noch sichtbar, dass Werner Büttners deutsche Fußballer aus Rosenholz im Halbmeter-Pygmäenformat zwar trefflich als „kulturimperialistisches Bubenstück“ zu bezeichnen sind, aber ansonsten noch ganz nach 1987 aussehen und keineswegs Männer-Maßstäben des Jahres 2006 entsprechen.

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