Kultur : Im Schweinsgalopp

Staatsoper Hannover: Calixto Bieito rabiatisiert Leoncavallo und Mascagni

Christine Lemke-Matwey

Praller, draller, drastischer kann Theater heute kaum sein. Gleich zu Beginn qualmt es aus dem Graben, als säßen hier alle miteinander im Fegefeuer, einer Frau, Santuzza, wird begrüßungshalber in die Scham gegriffen, Männer treiben, lecker, lecker, Oral-Sex mit Bananen oder pinkeln lose an Laternen, es wird mit Spaghetti geworfen und mit Ölfarbe gesudelt (wahlweise gelb oder rot), den ganz normalen Quickie am Rande registriert man schon gar nicht mehr, und überhaupt zeigt die Szene einen jener unbehausten Unorte (einen Busbahnhof, ein „Idyll“ im Industriegebiet), an denen unter Menschen alles erlaubt ist und längst nichts mehr geht (Bühne: Ariane Isabell Unfried, Rifail Ajdarpasic). Für niemanden. Schlingensief go home! mit deinen ollen Bühneninstallationsgerümpeleien, deinen notorisch selbstmitleidigen Theater-als-Krankheit-Phobien, rufen diese Bilder, Marthaler, Neuenfels, Konwitschny, wo seid ihr?, fragen sie hämisch. Wer hier spricht? Der katalanische Regie-Wunderknabe (und als solcher darf er marktwerttechnisch noch eine Weile gelten) Calixto Bieito. Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Leoncavallos „I Pagliacci“, das siamesische Zwillingspaar des italienischen Verismo, als geschickt verzahntes Lehrstück direkt vom Belcanto-Ballermann, als tosendes tobendes Opernspielwerk.

Jede Menge Zoff und Zunder also, Terror und Trash. Und gegen diese handwerkliche Seite des Geschehens ist auch nichts einzuwenden (außer, vielleicht, dass die Inszenierung im „Bajazzo“-Teil so ihre Längen hat). Erstens. Zweitens war es eine kluge Idee von Albrecht Puhlmann, dem Intendanten, Bieito, dem es stets um die wortwörtliche Gewalttätigkeit, die nackte Triebhaftigkeit des menschlichen Miteinanders zu tun ist, auf zwei Komponisten anzusetzen, die diese „Wahrheit“ von vornherein im Programm führen. Das Schroffe, Schrille, Ungeschliffene in Mascagnis Musiksprache, die grellen Stimmungswechsel bei Leoncavallo zwischen Bühnen-Realismus und Spiel im Spiel, dies alles kommt Bieitos ästhetischer Weltsicht, in der nichts Stilles oder Inniges dagegen hält, gewaltig zupass. Einerseits. Andererseits war klar, dass er daraus kein sizilianisches Bauerndrama destillieren würde und dass ihn nichts so wenig interessiert wie ein österlich gearteter Naturalismus (zumindest „Cavalleria“ spielt am Ostersonntag). Auch das mittlerweile in Sachen Regietheater weltläufig abgehärtete Hannoveraner Publikum wusste das, und so blieb die Premiere erstaunlich friedlich. Einzig als zur Ostermesse ein Bild des Papstes herumgeschwenkt wird, erhebt sich ein einsames Buh. Ansonsten darf man den Mittelfinger, den ein Herr beim Schlussapplaus aus Reihe vier in Richtung Rampe reckt, getrost unter Abonnentenwut abhaken.

Die Dramaturgie dieses Doppelabends jedenfalls ist überzeugend gelöst, die Idee, das Ganze in einem Bild als ein Stück zu spielen, funktioniert fabelhaft: Auf den Prolog des „Bajazzo“ folgt die ganze „Cavalleria“, Pause nach dem Glockenchor aus „Bajazzo“, der auch den zweiten Teil eröffnet, dann „Bajazzo“ bis zum Schluss. Auch musiziert wird ansprechend (Mikhel Kütson am Pult des Staatsorchesters), und das Sängerensemble spielt sich einen heiligen Wolf. Allen voran: die preiswürdig enthemmte, wahnwitzig wahrhaftige Leandra Overmann als Santuzza.

Ob sie nun halbnackt und in schnaufendem Schweinsgalopp fünf-, sechs-, siebenmal die Bühne umrundet oder sich von Beppo, dem fiesen Clown, mit einem Gartenschlauch klatschnass spritzen lässt, ob sie sich zu Beginn des „Bajazzo“-Teils – den sie selbst als stumme Figur noch mächtig dominiert! – fingerdick rote Farbe ins Gesicht schmiert oder später mit einem aufblasbaren Sofa unterm Arm wie ein weiblicher Oskar Matzerath trommelnd ihre Kreise zieht: Sie ist das Herz, der Fluchtpunkt dieser Aufführung. Gegen sie verblassen alle Frauen (Helga Thiede als Mamma Lucia, Alla Kravchuk als Lola/Nedda), und die Männer haben es schwer (Ki-Chun Park als Rurridu/Canio, Tito You als Tonio/Alfio). Allerdings fragt man sich schon, wo in dieser letztlich doch sehr opernhaften, brutal-affektbetonten Versuchsanordnung aus Liebe, Hass und Eifersucht das Problem sein soll, wenn die Männer nichts anderes sind als schlägernde, vergewaltigende Idioten und die Frauen ihre Opfer. Um wen oder was soll hier überhaupt gekämpft werden?

Wer die Stücke kennt, dürfte sie in dieser Grobschlächtigkeit kaum wiedererkennen. Wer sie nicht kennt, kriegt in Hannover bei allem Zirkustrubel wenig mehr geboten als Bieitos Zugriff – und zwei riesige leere Versprechen. Einmal nämlich blinkt, jeder Hoffnung und Sehnsucht zum Trotz, in großen gelben Lettern eine Leuchtreklame auf: „THE FUTURE IS NOW“. Und ganz zum Schluss, als Nedda fast tot ist und Canio auch, darf die verstummte, verrückte Santuzza doch noch etwas sagen, etwas rufen: „The world is not enough!“ Als wäre das Theater mit seinem Latein am Ende. Und als wüsste es darum.

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