Kultur : Im Schweiße seines Angesichts

Steffen Richter

über den Lohn des Frosts Was werden sie schwitzen. Heute geht es ins Massif Central, dann zu einem Abstecher in die Pyrenäen und schließlich zum Bergzeitfahren nach Alpe d´Huez. Wenigstens bleibt der Tour de France in diesem Jahr die Nettigkeit erspart, sich einen der berüchtigten provenzalischen Riesen hinaufzuquälen. Der Mont Ventoux, von dem Roland Barthes in den „Mythen des Alltags“ schreibt, er sei „ein Gott des Bösen, dem man opfern muss“, wird umfahren.

Als Marco Pantani vor vier Jahren als Erster oben ankam, hatte sich ein Landsmann längst ins Gipfelbuch eingetragen. An einem Aprilmorgen des Jahres 1336 war Francesco Petrarca zu Fuß den Ventoux hinaufgekraxelt. Ein Hirte hatte ihn gewarnt, dort oben gäbe es außer einem zerrissenen Mantel nichts zu holen. Heute gilt Petrarcas Blick vom Plateau als Gründungsurkunde unserer modernen Landschaftserfahrung: „Zuallererst, vom ungewohnten Anhauch der Luft und dem weiten Schauspiel bewegt“, schreibt er in einem Brief, „verharrte ich wie betäubt.“ Und vorher hat er mächtig geschwitzt.

Leider ist „schwitzen“ in diesem Berliner Sommer eine bislang unbekannte Vokabel. Das Literaturhaus jedoch schert sich nicht drum und veranstaltet am 17.7. (19 Uhr) tapfer ein Sommerfest mit Ulrike Draesner, Oskar Pastior und Klaus Reichert. Gefeiert wird der 700. Geburtstag Francesco Petrarcas, der nicht nur den Ventoux bezwungen, sondern mit seinen Anrufungen an Laura auch Urszenen der modernen Liebeslyrik geschaffen hat.

Am Tag darauf gibt es am gleichen Ort eine zweite Jubiläumsfeier. Nun aber geht es mit Blanche Kommerells Lesungen unter dem schönen Titel „Das Leben ist eine Mohrrübe“ um den hundertsten Todestag des genialen russischen Dramatikers und Erzählers Anton Tschechow (20 Uhr). Doch so recht scheint man den Temperaturen nicht zu trauen. Die Tschechow-Hommage findet jedenfalls im Kaminraum des Literaturhauses statt.

Das LCB schließlich ergibt sich in die meteorologischen Verhältnisse. Wen allmorgendlich wundert, dass die Balkonpflanzen nicht eingefroren sind, der ist am Wannsee an der richtigen Adresse. Passend zur Jahreszeit liest Durs Grünbein am 15.7. aus seiner Verserzählung „Vom Schnee“ (20 Uhr). Verhandelt wird darin Leben und Denken des Philosophen René Descartes. Den hatte es als jungen Offizier 1619 während des Dreißigjährigen Kriegs ins Winterlager bei Ulm verschlagen. Die Überlieferung will, dass ihn in der Nacht vom 10. auf den 11. November unter dem Eindruck eines schwäbischen Kachelofens eine „Erleuchtung“ überkam, so dass er die „Fundamente einer wunderbaren Wissenschaft" entdeckt habe. Tatsächlich hat Decartes die philosophische Neuzeit eingeläutet. Er hatte nichts Eiligeres zu tun, als der Madonna zum Dank eine Wallfahrt nach Loreto zu versprechen. Und zwar im Schweiße seines Angesichts.

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