Kultur : Im Sog von Schönberg

MARTIN WILKENING

Das erlebt man im Symphoniekonzert, das doch immer mehr vom ausführenden Apparat als von den Werken her geprägt wird, selten: daß sich dieser Orchesterapparat vom Sinn des Werkes her erst durch die Interpretation selbst konstituiert und damit die üblichen Abhängigkeiten umdreht.Nicht mehr ein Orchester auf der Suche nach einem Stück sozusagen, sondern ein Stück auf der Suche nach seinem Orchester, "Musik" - nicht "Konzert".Und an diesem Abend hat Schönbergs "Pelleas und Melisande" sein Orchester gefunden.

Claudio Abbado hat den Streicherapparat für diese Aufführung (wie schon beim konzertanten "Tristan") völlig umorganisiert, die Bratschen sitzen in der Position der ersten Violinen, neben ihnen die Celli, die ersten Violinen und dann die zweiten Violinen, außen, den Bratschen gegenüber.Welche Herausforderung diese Umstrukturierung der Streicher im Raum für die Orientierung des Dirigenten bedeutet, sei nur am Rande angemerkt, zumal es sich im Rahmen dieser Interpretation um keine Äußerlichkeit handelt, sondern um die Umsetzung der Schlüsselidee einer Interpretation.

Abbado versteht den Tonsatz dieses Stückes völlig von der Mittellage her, der latenten Tiefe, an der die Bratschen, neben anderen Instrumenten, ahnungsvoll teilhaben.Damit folgt Abbado Schönberg, so wie dieser Maeterlinck folgte, dessen Stück sich in seiner Raumsymbolik immer an der verhängnisvollen Vertikalen entlang bewegt.Und so ist dem Grundklang gleichsam sein heller Ausblick nach oben eingetrübt, denn von den ersten Geigen hört man tatsächlich viel weniger, es herrscht ein permanenter Druck und Sog nach unten.Dazu paßt das restlos überzeugende Konzept, nach dem Abbado die unermeßlich vielschichtige Polyphonie dieses Stückes radikal ausspielen läßt in ihrer geradezu obsessiven Technik permanenter Verflechtung aller Themen: Themen, die hier alles Illustrative und Statische verlieren, statt dessen in immer wieder anderen Aggregatzuständen und Konfigurationen ein unbewußtes Drängen artikulieren, das am Ende zwangsläufig in den Stillstand treibt.

Und es gehörte zu den glücklichen Momenten dieses Konzertes, daß nach dem letzten Ton tatsächlich sekundenlange Stille herrschte, ein Innehalten, letztes Zirkulieren der reinen Energie dieser Aufführung.Vielleicht auch Erinnerungen: wie Claudio Abbado und die Philharmoniker die innere Gefährdetheit des Anfangs mit der wiederholten Spielvorschrift "zögernd" hörbar machten und dann einen Bogen zogen bis zum ersten Auftreten des "Schicksalsmotivs" mit seiner tödlich strahlenden Dissonanz über fatalen Trommelschlägen; wie sich die Klänge und Themen im Adagio im stetigen Wechsel von "breit" und "steigend" endlos ineinander festsaugten, bis in die ergreifend verhaltene Starre hinein, mit der eine formelhafte Trompetenmelodie den Tod Melisandes verkündet.

Mozarts Klavierkonzert KV 595 war zuvor vor allem im ersten Satz keine Glanzstunde der philharmonischen Streicher gewesen, hier blieb es Maurizio Pollini vorbehalten, glasklar phrasierend und in packendem Zugriff die inneren Spannungen dieser Musik zu vermitteln.

Nochmals am 19.und 20.Februar, jeweils um 20 Uhr in der Philharmonie.

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