Kultur : Im Sonnensystem der Discokugeln Bitte umbauen: die absurd-tragischen Skulpturen von

Michael Sailsdorfer in der Galerie Markus Richter

Peter Herbstreuth

Man darf von einer Entdeckung sprechen. Denn wie und was der 1979 geborene Michael Sailsdorfer aus gegebenem Material zaubert, schafft reiche skulpturale Möglichkeiten zwischen Design, Ökologie und Literatur. Dabei ist er noch Student: Gerade wechselte er von der Münchner Akademie der Bildenden Künste ans Goldsmith College in London. Doch seine Skulpturen tragen schon jetzt den Stempel eines Basiswerks, was Sammler auf den Plan ruft und das Münchner Lenbachhaus veranlasste, mit ihm eine Außenskulptur zu realisieren. Ein Teil seiner Arbeit besteht aus gewitzten Umbauten. Aus einem Polizeiauto wird ein Schlagzeug, aus Restmüll eine Sitzbank, aus vier Wohnmobilen ein Haus und aus einem Bus ein Container (35 000 Euro). Ein weiterer Teil besteht aus Selbstverzehrungen. Letztes Jahr hatte er in eine Blockhütte auf dem Land einen Kanonenofen eingebaut und dann das Holz des Hauses solange verheizt, bis nur noch der Ofen auf der Wiese stand – ein Denkbild voll von schwarzem Humor. Manche Kriege sind so. Es wird so lange eingeheizt, bis nur noch der Krieg da ist. Das Teil frisst das Ganze.

Sailsdorfer arbeitet mit geschlossenen Kreisläufen und schreckt – vorläufig – vor Kalauern nicht zurück. Es ist ein Weg, schnell verständlich und zugleich pointiert komplex zu sein, um so mehr, da er in Konstellationen konzipiert. In der Galerie drehen sich Discokugeln als Sonnensystem und werfen Strahlenkränze (8500 Euro). Er nimmt die Wirklichkeit, wie er sie findet, befreit das Material des Alltags aus dessen Funktionen und kreiert Modelle eines tendenziell absurden Zusammenhangs, der noch Spuren und Zeichen der Herkunft trägt. Das macht seine Arbeit kompatibel mit Luhmanns Systemtheorie, mit Lévi-Strauss’ Bricollage und mit ökologischer Recyclings-Praxis. Er erfindet nichts, sondern kombiniert und rechnet mit den Beständen. Vielleicht wird Sailsdorfer ein Hybrid aus Dan Peterman und Manfred Pernice – mit Werken, deren springende Punkte auf das Ganze deuten. Man wird sehen.

Galerie Markus Richter, Schröderstraße 13, bis 18. Oktober; Dienstag bis Sonnabend 12 – 19 Uhr.

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